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Interview mit dem Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, Reinhold Robbe
Geschrieben von: Annelie Weigand   

Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages im InterviewSeine Aufgabe ist es, potenziellen Missständen innerhalb der Streitkräfte nachzugehen, die Sorgen und Nöte der Soldaten sind sein tägliches Geschäft: Reinhold Robbe, der Wehrbeauftragte des Bundestages muss also wissen, was den Soldaten auf der Seele brennt. Annelie Weigand fragte nach, ob es im psychologischen Bereich Anlass zum Klagen gibt.

Annelie Weigand: Von den Auslandseinsätzen kehren immer mehr Soldaten mit psychischen Störungen zurück, die Zahl der Erkrankungen an PTBS (Posttraumatische Belastungsstörungen) ist im letzten Jahr sprunghaft angestiegen. Sind dies Alarmzeichen dafür, dass die Soldaten den psychischen Belastungen in den Einsatzgebieten nicht gewachsen sind?

Reinhold Robbe: Wir haben es in den Einsätzen heute mit anderen Voraussetzungen zu tun wie noch vor zwei oder drei Jahren. In Afghanistan beispielsweise hat sich die Gefahrenlage für die Bundeswehr deutlich verschärft. Vorkommnisse mit traumatischen Folgen – und das wissen die Soldaten natürlich – sind nicht auszuschließen. Die Soldaten stehen unter ständigem Stress, und das hat Auswirkungen.

 

Bedarf es einer besseren psychologischen Betreuung, die den Soldaten im Einsatz einen größeren Schutz für die psychische Gesundheit bietet. Wenn ja, wo besteht Ihrer Meinung nach Handlungsbedarf?

Robbe: Mit Blick darauf hat die Bundeswehr einiges auf den Weg gebracht. Die Soldatinnen und Soldaten gehen in aller Regel gut vorbereitet in den Einsatz. In Hammelburg zum Beispiel werden Szenarien, mit denen die Soldaten im Einsatzland konfrontiert werden könnten, wie Geiselnahmen oder Anschläge durchgespielt. Andernorts erfolgt die Vorbereitung auf zu erwartende kulturelle, politische oder ökonomische Besonderheiten. Das wird alles gemacht. Und auch die Begleitung der Kontingente durch Truppenpsychologen und Militärseelsorger ist ein wesentlicher Punkt.

Aber, und das berichten mir die Soldaten, die erhöhte Anzahl neuer Missionen führt inzwischen dazu, dass nicht immer ausreichend Zeit für eine angemessene Vorbereitung bleibt. Das darf nicht sein und da werde ich meine Augen drauf gerichtet halten.

 

Haben sich bisher Soldaten an Sie gewandt, die über unzureichende psychologische Betreuung vor, während oder nach dem Auslandseinsatz klagen? Wenn ja, welcher Art sind die Beschwerden?

Da kann ich nur von ganz wenigen Einzelfällen, von Ausnahmen reden. Was ich aber als Problem erkenne, ist die derzeit noch unzureichende Betreuung ausgeschiedener, ehemaliger Soldatinnen und Soldaten. Diese fallen nach Beendigung ihrer Wehrübung oder ihres Wehrdienstes nicht mehr unter die freie Heilfürsorge. Das heißt, wenn diese Soldatinnen und Soldaten unter einsatzbedingten psychischen Erkrankungen leiden – und PTBS beispielsweise kann Monate, manchmal sogar noch Jahre nach Dienstzeitende auftreten – ist die Krankenversicherung wohl geregelt.

Das Problem aber besteht darin, dass zivilen Ärzten und Psychologen naturgemäß die militärärztliche, beziehungsweise militärpsychologische Erfahrung zur Behandlung einsatzbedingter Traumata fehlt. Eine mögliche Lösung wäre die partielle Kassenzulassung für Militärpsychologen. Dann könnten auch ausgeschiedene Soldaten durch entsprechend geschultes Personal des Sanitätsdienstes behandelt werden. Ein anderer Weg wäre, zivile Ärzte und Psychologen in die Problematik PTBS von vornherein mit einzubinden.

 

Sehen Sie es als Ihre Aufgabe an, sich als „Anwalt der Soldaten“ für eine Minimierung der psychischen Belastungen einzusetzen? Wie werden Sie tätig?

Robbe: Indem ich dieses zunehmend wichtige Thema im Auge behalte und permanent in meinen Gesprächen mit den Verantwortlichen darauf hinwirke, dass es auf der Agenda bleibt. Die Posttraumatischen Belastungsstörungen müssen rechtzeitig als gesundheitliches Problem erkannt werden. In der Hinsicht besteht Handlungsbedarf, da sind unsere verbündeten Streitkräfte oftmals weiter. Bei uns fehlt es beispielsweise an wissenschaftlicher Forschung zu dieser Thematik. Ich sehe hier die Notwendigkeit, dass sich die Wehrmedizin künftig stärker auf PTBS konzentriert. Das könnte sogar in einem eigens dafür vorgesehenen Institut erfolgen, beispielsweise am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg, wo PTBS bereits einen Behandlungsschwerpunkt bildet.

 

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Annelie Weigand: im Auftrag von der Redaktion INTRANET aktuell am 22.01.2007 in Bonn.

 

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