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20% vorbelastet ? Mit Screenings und Tests alles in Butter ?
Geschrieben von: Frank Eggen   
Donnerstag, den 05. Dezember 2013 um 16:17 Uhr

Soldaten im ISAF Einsatz auf der Höhe 431 (Quelle: Bundeswehr/Bienert)Viele kommen körperlich unversehrt aus dem Einsatz zurück und sind dennoch krank. Im Jahr 2012 gab es 1143 Behandlungsfälle von Soldaten in Bundeswehrkrankenhäusern die wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) behandelt wurden. Bis Ende September 2013 zählte die Bundeswehr bereits 1100 Fälle.

 

 

Jeder kann Betroffen sein!

Warum Soldaten (Quelle: Bundeswehr/Bienert)Es kann jeden Soldaten treffen. Bei psychischen Störungen ist meist das ganze Umfeld des Soldaten betroffen. Das familiäre sowie das dienstliche Umfeld drohen zu zerbrechen. Nur etwa 50% der Betroffenen Soldatinnen und Soldaten werden überhaupt erkannt, 80-90% nehmen keine professionelle Hilfe in Anspruch. Die häufigste Ursache liegt darin, dass sie versuchen allein damit zurecht zu kommen. Mit weitem Abstand an 2. Stelle kommt die Einschätzung, eine Behandlung würde nicht helfen. Bei immerhin knapp 15% der Betroffenen gibt es immer noch Ängste, sich bei Vorgesetzten zu outen und als Versager dazustehen.

Doch müssten Symptome nach einem traumatischen Erlebnis „nicht per se pathologisch sein“. Ein Großteil der Betroffenen erholt sich nach einigen Monaten von selbst. Nach etwa 18 Monaten ist die Wahrscheinlichkeit jedoch gering, ohne professionelle Hilfe wieder beschwerdefrei zu werden.

 

Zu wenig Soldaten suchen Hilfe!

Anmeldung der Psychologie im Bundeswehrkrankenhaus Berlin (Quelle: Frank Eggen)Doch bis sich gerade Soldaten dazu durchringen, eine Therapie zu beginnen, kann es oftmals lange dauern. Die medizinische Versorgung von Soldaten ist durch die freie Heilführsorge eng mit dem Dienstherrn bzw. Arbeitgeber verknüpft. Ärztliche Schweigepflicht und Datenschutzregelungen können die Vorbehalte und Ängste nicht beseitigen. Zu leicht könnten gesundheitliche Ausschlusskriterien zu Laufbahnnachteilen führen. Wie etwa die Umwandlung vom Dienstverhältnis eines Soldaten auf Zeit in die eines Berufssoldaten. Hier könnten Truppenpsychologen, Militärseelsorger und Lotsen eine besondere beratende oder begleitende Stellung erhalten. Unser niederschwelliges und unabhängiges Hilfsangebot www.angriff-auf-die-seele.de leistet hier mit etwa 3 Millionen Zugriffen und hunderten Anfragen jährlich seit fast 6 Jahren gute Dienste. Aus diesen Erfahrungen könnte man weitere Projekte realisieren oder weiterentwickeln.

 

Das Psychotraumazentrum der Bundeswehr erprobt derzeit die psychische Fitness von Einsatzsoldaten. Hier im Gefechtsübungszentrum des Heeres in der Einsatzvorbereitung. (Quelle: Frank Eggen)Die Bundeswehr testet derzeit ein verbessertes Screening-Verfahren, bei dem psychische Vorbelastungen bei Soldaten besser erkannt werden sollen. Das neue „Rahmenkonzept zum Erhalt und zur Steigerung der psychischen Fitness von Soldaten und Soldatinnen“ wurde vom Generalinspekteur General Volker Wieker letztes Jahr erlassen und stellt die Grundlage dar. Das präventive Konzept geht davon aus, dass es sich um einen psychisch gesunden Soldaten handelt, dem nach einem Screening bei Bedarf gezielt Angebote zur Steigerung der psychischen Fitness angeboten werden (z.B. Präventivkur, Sport, Lehrgänge oder Seminare). Diskutiert wird noch die Frage was passiert, wenn die Tests wirklich kritische bzw. krankhafte Ergebnisse bei einem Soldaten offenbaren. Wird der Soldat dann aus Fürsorgegründen z.B. von Einsätzen ferngehalten, hat es Laufbahnnachteile oder appelliert man an die Eigenverantwortung des Einzelnen, sich mit dem Wissen um seine psychische Fitness professionelle Hilfe zu suchen.

Die Akzeptanz dieser neuen Maßnahmen wird bei den Soldaten stark davon abhängen, wie viel Eigenverantwortlichkeit man ihnen überlassen möchte. Starre Automatismen könnten sonst die Testergebnisse stark verfälschen.

 

20% sind vorbelastet?

Prof. Dr. Wittchen bei der Präsentation des 2. Teils der Dunkelzifferstudie in Berlin (Quelle: Frank Eggen)Hintergrund ist eine Studie der TU Dresden, wonach jeder fünfte Bundeswehrsoldat schon mit einer psychischen Erkrankung in den Auslandseinsatz geht. Zu bemerken ist, dass bei diesen 20% der Soldaten auch Störungen inbegriffen sind, die eher nach klinischen Kriterien relevant sind, aber nicht den Soldaten in Ausübung seines Dienstes behindern oder einen Leidensdruck erzeugen (Spinnenphobie, Höhenangst etc.). Zu betrachten ist auch immer die Tätigkeit/Verwendung und das Einsatzgebiet des jeweiligen Soldaten. Immerhin bleibt festzuhalten, dass der Bundesdurchschnitt von 27% deutlich höher ausfällt.

 

 

Erhöhtes Risiko !

Laut den Wissenschaftlern aus Dresden haben etwa 25 Prozent aller Bundeswehrsoldaten während eines Auslandseinsatzes in Afghanistan ein traumatisches Erlebnis. Das muss nicht bei anderen Einsätzen so sein. Dennoch ist das erhöhte Risiko bei vorbelasteten Soldaten, mit einer neuen psychischen Erkrankung zurückzukehren um das Vier- bis Sechsfache größer.

Es wird immer ein Risiko geben zu erkranken. Dieses ist ein Risiko, dass der Dienstherr in betreffenden z.B. in WDB-Verfahren übernehmen muss. Dieses kann und darf nicht zu Lasten unserer Soldaten geschehen. Hier sind Politiker und Parlament in einer besonderen Pflicht, die gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und die Versorgung einsatzgeschädigter ständig zu überprüfen und ggf. zu verbessern.

  

 

Text: Frank Eggen

Bilder: 1. und 2. Bundeswehr, 3.-.5 Eggen