Home Informationen Aktuelles Betreuung von traumatisierten Soldaten – Reservisten als Lückenbüßer?
Betreuung von traumatisierten Soldaten – Reservisten als Lückenbüßer?
Geschrieben von: Redaktion   
Mittwoch, den 02. Januar 2013 um 06:48 Uhr
Screenshot: NDR Streitkräfte und StrategienDer Reservistenverband will sich stärker für traumatisierte Zeitsoldaten einsetzen, die die Bundeswehr schon verlassen haben. Das berichtet das NDR-Magazin „Streitkräfte und Strategien“ in seiner Ausgabe vom 29. Dezember 2012. Ehrenamtliche Organisationen müssen immer noch Lücken füllen, die eigentlich durch den Dienstherrn geleistet werden müssten. Gerade im sozialen Bereich tut sich die Bundeswehr schwer den richtigen Weg zu finden.

 

Der entsprechende Bericht aus Streitkräfte und Strategien vom 29.12.2012:

[...]

Seit dem Einsatz am Hindukusch ist die Zahl der traumatisierten Soldaten in der Bundeswehr drastisch angestiegen. Posttraumatische Belastungsstörung, PTBS, so die offizielle Bezeichnung dieser Krankheit. Die Bundeswehr ist bemüht, sich auf diese neue Situation einzustellen. Doch man tut sich weiterhin schwer. Einen besonders schweren Stand haben Zeitsoldaten, die bereits aus der Bundeswehr ausgeschieden sind. Betroffene fühlen sich von ihrem früheren Dienstherrn im Stich gelassen. Hier will nun der Reservisten-Verband in die Bresche springen. Doch kann der Verband das überhaupt? Ist er nicht letztlich ein Lückenbüßer? Fragen, denen Ute Hempelmann nachgegangen ist:

 

Ute Hempelmann: „Gesundheit erfolgreich managen“ steht auf der Visitenkarte von Frank Schwartz. Nach seiner Pensionierung bei der Bundeswehr ist der Oberst a.D. jetzt „Berater in gesundheitlichen Fragen“. Doch die Gesundheit der eigenen Familie bereitet ihm Kummer. 2009 kam sein Sohn, ebenfalls Soldat, aus dem Einsatz zurück. Ärztliche Diagnose: PTBS, Posttraumatische Belastungsstörung. Bis heute kämpfen die Ehefrau, die Eltern sowie die Brüder des Kranken um Normalität. Die Psyche des Betroffenen, sein Familienleben und das soziale Umfeld werden durch die Krankheit stark belastet. Vater Frank Schwartz will seine Erfahrungen weitergeben:

 

Schwartz: „Eine der Konsequenzen für mich persönlich ist gewesen, dass ich erstens über unser Schicksal Vorträge halte, um klar zu machen: Wie fühlt ein Betroffener sich im Inneren? Und wie geht die Familie damit um? Und zum anderen engagiere ich mich beim Bund Deutscher Veteranen und bei der Deutschen Kriegsopferfürsorge, um als Fallmanager Kameraden, die ein ähnliches Schicksal wie unser Sohn hatten, zu betreuen und ihnen zu helfen, sich im Leben zurechtzufinden und einen Weg durch den Verwaltungsdschungel zu finden, damit sie ihre Ansprüche geltend machen können neben der persönlichen Betreuung.“

Frank Schwartz ist Mitglied im Reservistenverband. Das Engagement ehemaliger Soldaten wie er soll keine Eintagsfliege bleiben. Der Reservistenverband, der rund 120.000 Mitglieder zählt, will sich dauerhaft um PTBS-Kranke kümmern. 2010 wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, um Informationen über betroffene, ehemalige Soldaten zu bekommen und Ideen zu entwickeln, wie man ihnen helfen kann.

Nach Einschätzung des Verbandes wird die Zahl der Erkrankungen schon bald erheblich zunehmen. Oft wird PTBS nämlich mit zeitlicher Verzögerung erkannt, bestätigen auch Experten. Manchmal erst, wenn Soldaten aus dem aktiven Dienst ausgeschieden sind. Und dann kann es richtig Probleme geben. Denn die Bundeswehr fühlt sich oftmals nicht zuständig, wie der Leiter der PTBS-Arbeitsgruppe im Reservistenverband und Notfall-Psychologe Horst Schuh am Beispiel eines traumatisierten Soldaten schildert:

 

Schuh: „Das Bemühen von der Bundeswehr auch Unterstützung zu bekommen hat da seine Grenzen gehabt, wo er Zivilist war und normale Besuche bei einem Arzt gemacht hat, und bei der Abrechnung der Arztrechnung die Versicherung gesagt hat: Das haben Sie sich bei der Bundeswehr zugezogen - und ihn dann wieder auf die Bundeswehr verwiesen hat und auf deren Heilfürsorge. Und dieses Wandern und Hin- und Hergeschobensein zwischen den verschiedenen Instanzen in der Zuständigkeit, bewirkt im Grunde genommen eine weitere Traumatisierung.“

 

Kein Einzelfall. Das räumt auch ein internes Papier aus dem Zentrum Innere Führung der Bundeswehr in Koblenz vom März 2012 ein, das NDR Info vorliegt. Darin heißt es - Zitat:

 

Zitat: „Ausgesprochen problematisch ist die Situation nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr für ehemalige Zeitsoldaten und Reservisten, unter ihnen besonders viele Mannschaftsdienstgrade mit relativ hoher Einsatz- und Kampfbelastung. Außerhalb ihrer Einheiten (und militärischen Erfahrungsgemeinschaften) sind sie überwiegend sich selbst überlassen. Bekannt sind viele Fälle von seelisch Verwundeten, deren Lebens- und Arbeitsverhältnisse wegrutschten, die Odysseen zwischen zersplitterten Zuständigkeiten durchmachten.“

 

Die Bundeswehr und die Politik haben dieses Problem inzwischen erkannt und reagiert. Ausgeschiedene und an PTBS erkrankte Soldaten stehen inzwischen besser da als noch vor einigen Jahren. Denn im September ist die Neufassung des sogenannten Einsatz-Weiterverwendungsgesetzes in Kraft getreten. Rein rechtlich besteht jetzt die Möglichkeit, dass sich sogar aus dem Dienst entlassene Zeitsoldaten wieder einstellen lassen können, wenn eine Erkrankung bei ihnen festgestellt wird, versichern Mitarbeiter der Bundeswehrverwaltung. Allerdings sei das kaum bekannt, auch nicht im Ministerium, sagt ein Ministeriumsmitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Nach seinen Erfahrungen wissen viele Ärzte, Verwaltungsangestellte und Vorgesetzte anscheinend nicht, wie die Vorschriften in die Praxis umzusetzen sind. Damit würden Verfahren verschleppt, werde die gesundheitliche Situation der Betroffenen weiter verschlechtert. Hier will der Reservistenverband ansetzen, und den ausgeschiedenen Soldaten helfen. Denn die Betroffenen haben oftmals nicht mehr die Kraft, allein gegen die riesige Bürokratie der Bundeswehr zu kämpfen. Hinzu kommt, dass die Bundeswehr selbst Probleme hat, die zahlreichen PTBS-Fälle zu bewältigen. Im Sanitätsamt der Bundeswehr werden beispielsweise medizinische Gutachten erstellt. 3.600 Fälle gibt es jährlich, listet das interne Bundeswehr-Papier aus Koblenz auf. Dafür stünden ganze drei Ärzte zur Verfügung. Inzwischen wurde die Zahl der Mediziner auf sechs verdoppelt, berichtet der Insider, eine Reaktion auf die ARD-Talkshow Anne Will im Oktober, bei der es um Auslandseinsätze der Bundeswehr ging. In der Sendung mit Verteidigungsminister de Maizière redete die Ehefrau eines PTBS-erkrankten Soldaten Klartext und beklagte sich über den Umgang der Bundeswehr mit PTBS-Kranken.

Laut der sogenannten Reservistenkonzeption aus dem Februar dieses Jahres gehört es seit neustem zu den Aufgaben des Reservistenverbandes, ehemalige Soldaten zu betreuen, die an PTBS erkrankt sind. In dem Text heißt es, der Reservistenverband solle - Zitat „mitwirken, dass alle Maßnahmen der Vorbeugung, Früherkennung und Behandlung von Gesundheitsstörungen (...) zum Beispiel PTBS, auch Reservisten zur Verfügung stehen“.

 

Doch anscheinend ist es die Bundeswehr selbst, die diese Unterstützung des Verbandes ehemaliger Soldaten zum Teil verhindert. Beispiel: die sogenannten Peer-Seminare am Zentrum Innere Führung. In denen sollen Soldaten lernen, auf ihre PTBS-kranken Kameraden zuzugehen und sie zu unterstützen. Aber die Reservisten können vorerst nicht teilnehmen, wie der Bundesgeschäftsführer des Reservistenverbandes Dierk Joachim Fell erläutert:

 

Fell: „Bei den Peer-Kursen sind wir noch etwas im Hintertreffen. Da stoßen auch wir an die Bürokratie der Bundeswehr. Zurzeit sind die so stark ausgelastet, dass man da als Reservist kaum reinkommt. Deshalb haben wir eine Eigeninitiative gestartet. Wir haben eine Schulung von Mitgliedern in sogenannten helfenden Gesprächen. Da haben wir entsprechende Menschen, die uns mit profundem Sachverstand helfen. Aber (...) wir haben in dem Verband eine Unzahl von Ärzten, von Psychologen und von Therapeuten, die Mitglied bei uns sind. Wir müssen nur auf sie zugehen und sagen: Wie können wir der Sache Herr werden?“

Soziale Kontakte sind das A und O für PTBS-Erkrankte, wissen Experten. Durch Anteilnahme und Gespräche können sogenannte psychologische Anpassungsprobleme minimiert werden, die als ein PTBS-Auslöser gelten. Am Zweiten Weltkrieg war nichts Gutes. Allerdings machten Soldaten und Bevölkerung dieselben furchtbaren Erfahrungen. Doch Bilder und Erfahrungen aus dem Afghanistan-Einsatz verkraften viele Soldaten schlecht, weil sie so anders sind als alles, was sie bisher kannten. Reden hilft, erklärt der Trauma-Experte Karl-Heinz Biesold, ehemaliger Bundeswehrarzt und heute Mitglied im Reservistenverband:

 

Biesold: „Traumatisierte haben häufig den Verlust von Alltagsfähigkeit zu beklagen. Und man sollte ihnen dann helfen, auch die Alltagsbewältigung zu verbessern. Auf jedem Fall sollten sie [die Reservisten] nicht therapieren. Aber sie können in diesem Bereich der Unterstützung doch gut wirken.“

 

Ein Bericht von Ute Hempelmann für NDR Streitkräfte und Strategien.

[...]

 

Weitere Informationen im Internet: 

 

Text & Grafik: NDR.de

 

Weitere Themen