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PTBS-Dunkelziffer Studie vorgestellt
Geschrieben von: Redaktion   
Mittwoch, den 06. April 2011 um 17:02 Uhr

Logo: TU DresdenAm 06. April 2011 wurde im Rahmen einer Pressekonferenz im Psychotraumazentrum der Bundeswehr in Berlin die PTBS-Dunkelziffer-Studie vorgestellt. Diese Studie wurde im letzten Jahr vom Sanitätsdienst der Bundeswehr an die TU-Dresden in Auftrag gegeben. Diese Studie untersuchte die psychische Gesundheit bei Soldaten im Zusammenhang mit Auslandseinsätzen.

 

Auszug aus der Zusammenfassung der TU-Dresden:

Rund zwei Prozent aller deutschen Bundeswehrsoldaten, die im Jahre 2009 an einem Auslandseinsatz in Afghanistan im Rahmen der ISAF-Mission teilgenommen haben, kehrten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) aus dem Einsatz zurück. In absoluten Zahlen sind also jährlich rund 300 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die zum Auslandseinsatz in Afghanistan waren, betroffen. Dies ist eines der Ergebnisse eines Forschungsprogramms der TUD zu den Folgen von Auslandseinsätzen der deutschen Bundeswehr, die Professor Hans-Ulrich Wittchen und Dr. Sabine Schönfeld vom Institut für Klinische Psychologie und dem „Center of Clinical Epidemiology and Longitudinal Studies (CELOS)“ der TU Dresden durchgeführt und anlässlich einer Pressekonferenz am 6. April 2011 in Berlin vorgestellt haben.

Lediglich jeder Zweite der Betroffenen hat bislang in den zwölf Monaten nach dem Einsatz eine professionelle Hilfe aufgesucht. Dies weist im Zusammenhang mit früheren Daten aus Behandlungseinrichtungen der Bundeswehr darauf hin, dass es eine nicht unerhebliche jährliche Dunkelziffer (150 von 300 Betroffene) gibt.

Im Unterschied dazu wurde bei vergleichbaren Soldatinnen und Soldaten ohne Auslandseinsatz nur bei 0,3 Prozent eine PTBS festgestellt. Die Soldaten in den Afghanistan-Missionen der Bundeswehr haben also ein 6- bis 10-fach erhöhtes Erkrankungsrisiko.

Erstaunlich ist, dass bei gleichen methodischen Standards die Raten der deutschen Soldaten gravierend niedriger sind als beispielsweise die PTBS-Raten bei englischen und amerikanischen Soldaten, die im Irak oder Afghanistan im Einsatz waren. Die Studienleiter vermuten aufgrund erster vertiefender Analysen, dass die vergleichsweise niedrigeren Raten an einsatzbezogener PTBS mit besseren Auswahlkriterien der Bundeswehr für Auslandseinsätze, einer besseren Einsatzvorbereitung, mit einer kürzeren Einsatzdauer (vier bis fünf Monate statt ein bis zwei Jahre) und einer niedrigeren unmittelbaren Exposition an kriegerischen Kampfsituationen zusammenhängen.

Die scheinbar niedrige Rate an PTBS darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Afghanistan-Auslandseinsätze nahezu ausnahmslos bei allen Soldaten mit einem hohen Ausmaß von Belastungen verbunden sind. Belastende einsatzbezogene Ereignisse (Kampf-, Verletzungs- und Todeskonfrontation) kommen in der überwiegenden Mehrzahl mehrfach in der Einsatzzeit vor. Im Mittel berichten die Soldaten in ihrer Einsatzzeit (im Mittel vier bis fünf Monate) von mehr als 20 solchen Ereignissen; Kampftruppen in Kunduz nahezu doppelt so häufig wie andere Truppenteile und an anderen Standorten. 50 Prozent dieser belastenden Ereignisse erfüllten die Studienkriterien für sogenannte „traumatische Ereignisse“. Ein hoher Anteil der Soldaten und Soldatinnen erlebte multiple traumatische Ereignisse.

Insgesamt kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass die Größenordnung des Problems zwar erheblich, aber nicht so dramatisch erhöht ist, wie es gelegentlich in der Öffentlichkeit vermutet wurde.

Die Psychologen der TU Dresden weisen auch darauf hin, dass ihre Studie nahelegt, nicht zugunsten einer überaus starken Fokussierung auf die PTBS andere psychische Störungen, insbesondere Angst, depressive und somatoforme Störungen sowie Erschöpfungssyndrome aus dem Auge zu verlieren. Diese Störungen haben ein quantitativ sehr viel größeres Ausmaß. Zwar sind diesbezüglich Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr nicht häufiger betroffen als die deutsche Durchschnittsbevölkerung. Aber auch bei Bundeswehrsoldaten werden derartige psychische Störungen häufig nicht frühzeitig erkannt und adäquat behandelt.

Die Autoren weisen darauf hin, dass derartige unerkannte, vor den Auslandseinsätzen bestehende Störungen ein zusätzlicher Risikofaktor für eine PTBS-Entwicklung sein können. Deshalb sollten psychische Störungen insgesamt und auch unabhängig von Auslandseinsätzen in der Bundeswehr mehr Aufmerksamkeit erhalten.

 

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Quelle: TU-Dresden

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