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Interview mit Bernd Völker, Regierungsdirektor und Psychologe beim Streitkräfteamt in Bonn
Geschrieben von: Almut Lüder   
Dienstag, den 19. Januar 2010 um 15:50 Uhr

Logo der TruppenpsychologieRegierungsdirektor Bernd Völker ist Psychologe und im Streitkräfteamt in Bonn für die Truppenpsychologie in der Bundeswehr zuständig. Im Interview informiert er über psychologische Unterstützungsmöglichkeiten vor, während und nach dem Einsatz. Zudem berichtet Herr Völker über seine Erfahrungen in der Wehrpsychologie und seinen Einsätzen im Kosovo und Afghanistan.


Sie waren schon mehrfach als Truppenpsychologe im Auslandseinsatz im Kosovo sowie in Afghanistan? Was war für Sie das prägendste Erlebnis?

Der erste Raketenangriff. Die Geräusche, aber auch das besonnene Verhalten der Soldatinnen und Soldaten im Lager. Es brach keine Panik aus, obwohl es für viele eine völlig neue Erfahrung war.


Wie erklären Sie das?

Ich denke, das lag an der guten Vorbereitung. Es geht dort niemand hin, der nicht weiß, was ihn dort erwarten kann.


Was haben die Truppenpsychologen im Laufe der Auslandseinsätze der Bundeswehr gelernt?

Uns noch intensiver auf Belastungen einzustellen, die vor Ort auf uns zukommen. Wir haben dazu gelernt, die Führung zu stärken und zu beraten. Ich stelle fest, die Scheu der Soldaten gegenüber den Psychologen im Einsatz ist nicht mehr vorhanden.


Es gibt keine Hemmschwelle mehr?

Der Soldat hat vor dem Einsatz schon mal Kontakt mit dem Psychologen oder der Psychologin. Das gehört zur Einsatzvorbereitung, später auch zur Einsatznachbereitung. Der Psychologe gehört zum Alltag.


Wie erklären Sie dann die Zunahme von psychischen Erkrankungen wie der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) nach den Einsätzen?

Mit der Zunahme von Kampfhandlungen gibt es auch mehr Soldaten, die mit den Erlebnissen nicht zu Recht kommen. Bis 2004 etwa hat es ja nicht allzu viele Ereignisse gegeben. Aber mit wachsender Belastung steigt der Bedarf nach fachlicher Unterstützung. PTBS lässt sich nicht grundsätzlich verhindern. Jeder Mensch kann mit Ereignissen konfrontiert werden, die er ohne Hilfe nicht verwindet. Denken Sie im zivilen Leben an Menschen, die Banküberfälle erlebt haben oder den Suizid eines Mitmenschen. Ingesamt gilt, nicht jeder entwickelt eine PTBS, 95 Prozent der Betroffenen kommen ohne fremde Hilfe klar.


Kann man der PTBS vorbeugen?

Eben durch eine gute Vorbereitung, durch Training von Belastungssituationen, durch Simulation von Bedrohungen, damit die Soldaten im Ernstfall nicht erschrecken und gefasst sind.


Wie sehen die Symptome von Störungen aus?

Betroffene erleben Teile von extremen Situationen wieder, ohne Kontrolle, sie kommen einfach. Oder sie vermeiden Situationen oder Plätze, die schlechte Erinnerungen auslösen. Sie lassen eine Übererregtheit und Übererregbarkeit erkennen.


Welche Hilfsmaßnahmen gibt es?

Wir versuchen ihnen das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Ein wesentlicher Schutzfaktor ist die Truppe, die Kameradschaft, das soziale Miteinander. Sie müssen sich erholen, entspannen, Sport treiben, um ihre Balance wieder zu finden.


Wenn ein Soldat Anzeichen von PTBS zeigt, ist das für Sie ein Grund, ihn nach Hause zu schicken?

Nein. Nach einem traumatischen Ereignis, extremen Belastungen, entwickeln fast alle Menschen Symptome. Die können vier bis sechs Wochen andauern. Das ist noch keine Erkrankung. Das ist ein normales Verhaltensmuster, sich mit Erlebtem auseinanderzusetzen. Erst danach kann man davon sprechen, ob sich eine Erkrankung entwickelt.


Zwei bis drei Mal pro Woche soll es zu vorzeitigen Rückführungen von Soldaten aus den Einsatzgebieten kommen.

Die Zahl ist mir nicht bekannt, das habe ich auch nicht erlebt. Eine Rückführung kann verschiedene Ursachen haben, disziplinarische, familiäre, gesundheitliche. PTBS als Ursache ist mir nicht bekannt.


Kann ein Soldat mit PTBS jemals wieder in den Einsatz gehen?

Wenn er therapiert ist, dann ist er wieder voll einsetzbar. Der Soldat wird vor seinem Einsatz auf seine psychische Belastbarkeit untersucht.


Werden Betroffene von Kameraden oder Vorgesetzten immer noch leicht stigmatisiert? Gelten sie gar als Schwächlinge?

Ich kann das im Einzelnen nicht ausschließen. Die Organisation Bundeswehr legt großen Wert darauf, dass es nicht zu Nachteilen für Betroffene kommt. Bei Bekannt werden von Nachteilen wird dagegen vorgegangen. Andererseits machen wir Psychologen bei Einsatzvorbereitung und – nachbereitung die Erfahrung, dass Vorgesetzte sehr wohl um die Problematik der PTBS wissen und sensibilisiert sind.


Erkranken Soldaten, die in Afghanistan waren, prozentual häufiger an PTBS als anderen Einsatzorten der Bundeswehr?

Ja. Das hängt mit der Anzahl der Ereignisse zusammen. Wenn sich im Inland täglich mehr Menschen vor den Zug werfen würden, dann hätten wir hier auch weitaus mehr Menschen, die professionelle Hilfe benötigten, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Zurück zu den Bundeswehrsoldaten. PTBS ist nicht die einzige Erkrankung nach belastenden Ereignissen, es gibt eine ganze Palette von Erkrankungen, die entstehen können. Depressionen kommen vor, Ess-Störungen, Persönlichkeitsveränderungen. Im Normalfall können Betroffene ihre Erlebnisse alleine verarbeiten.


Zeitsoldaten und Reservisten beklagen, dass ihnen das psychosoziale Netz nach ihrem Ausscheiden aus der Bundeswehr nicht zur Verfügung steht.

Wir versenden ein halbes Jahr nach der Rückkehr aus dem Auslandseinsatz einen Brief, in dem wir darauf hinweisen, dass es längere Zeit nach dem Einsatz noch zu Symptomen kommen kann. Wir nennen Ansprechstellen und Telefonnummern im psychosozialen Netz der Bundeswehr, an die sie sich wenden können. Psychische Störungen werden in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert sind. Natürlich kann ich mir vorstellen, dass ehemalige Soldatinnen und Soldaten Schwierigkeiten haben, ihre Probleme außerhalb der Bundeswehr anzusprechen. Es gelingt ja auch nicht immer gleich, sie in Zusammenhang zu bringen. Außenstehende merken das häufig eher. Verhaltensänderungen muss man ernst nehmen.


Noch einmal zur Arbeit der Truppenpsychologen. Soldaten müssen sich der Realität im Einsatzort anpassen, wie schaffen es Psychologen, sie nach der täglichen Arbeit wieder auf ein Normalmaß ohne Aufgeregtheit zu bringen.

Meine Erfahrung ist, dass Soldaten, auch sehr junge, im Einsatz sehr umsichtig und sachbezogen sind. Ich habe keine besondere Aufgeregtheit erlebt.


Wie erklären Sie dann die Exzesse von Leichen schändenden Soldaten, wie sie im Jahr 2006 bekannt wurden?

Das ist aus meiner Sicht mit gruppendynamischen Effekten zu erklären. Das war eine große Geschmacklosigkeit, ein Versagen der Führung. Es gibt verschiedene Arten mit Stress umzugehen, wobei abnorme Verhaltensweisen, also psychopathische, psychopathologische sehr selten sind. Der Umgang mit Tod und Gewalt ist im Auslandseinsatz präsent. Das Gespräch ist ein gutes Mittel, damit fertig zu werden, sowohl unter den Kameraden als auch mit den Vorgesetzten und Psychologen.


Dann halten Sie das sogenannte Sensation Seeking für kein verbreitetes Phänomen, das heißt, Soldaten, die außerhalb ihrer Einsatzarbeit nach dem ultimativen Kick suchen?

Mein Eindruck in Kundus war, Soldaten wollen im Lager essen, duschen, sich erholen und keine weitere Aufregung.


Die Bundeswehr bietet die Ausbildung für 1. Psychologische Hilfe an. Wer sollte sie machen, was kann sie leisten?

Es handelt sich um psychologisches Unterstützungspersonal. Das sind Soldaten, die ansonsten ihren normalen Dienst tun. Kameradenhilfe sollte jeder leisten: entlasten, Sicherheit geben, trösten. Jeder, der belastbar ist und über gute soziale Kompetenz verfügt, kommt dafür in Frage.


Ehrenamtliche Initiativen wie Angriff auf die Seele, wie schätzen Sie den Wert ein?

Sie sind eine Stärkung des sozialen Netzes der Bundeswehr. Aber sie sollten sich ihrer Grenzen bewusst sein. Sie sind keine Psychologen.


Herr Völker, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Das Gespräch führte unsere Autorin Almut Lüder im Dezember 2009