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Interview mit Reinhold Robbe über seine Schirmherrschaft von „Angriff auf die Seele“
Geschrieben von: Almut Lüder   
Mittwoch, den 02. Dezember 2009 um 18:27 Uhr

Porträt Reinhold RobbeDie Journalistin Almut Lüder hatte am 28. November 2009 die Chance für ein Interview mit dem Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestag in Berlin. Reinhold Robbe erzählt von seine Aufgabe als Schirmherr der Initiative "Angriff auf die Seele", über die Schaffung eines Zentrums für Soldatinnen und Soldaten und über die Entstigmatisierung des Themas PTBS innerhalb und außerhalb der Bundeswehr.



Herr Robbe, warum haben Sie die Schirmherrschaft für „Angriff auf die Seele“ übernommen?

Ich hatte zwei Gründe: Erstens muss das Thema posttraumatisches Belastungssyndrom (PTBS) bei Soldatinnen und Soldaten sowie die Folgen, die sich aus nicht erkannten psychischen Erkrankungen ergeben, hohe Priorität haben. Das versuche ich, in meiner Arbeit immer wieder deutlich zu machen, etwa wenn es um die Schaffung eines Zentrums für Soldatinnen und Soldaten mit PTBS geht. Es muss sich auf Vorbeugung, Behandlung und Forschung konzentrieren. Der zweite Grund war, ich habe hohe Achtung vor Menschen wie Frank Eggen, der sich in seiner Freizeit dieses wichtigen Themas angenommen hat sowie sich für hilfsbedürftige Kameradinnen und Kameraden einsetzt.


„Angriff auf die Seele“ kümmert sich um Soldatinnen und Soldaten, die in Auslandseinsätzen seelisch verletzt wurden. Ihnen wurde bei der Bundeswehr bislang wenig Aufmerksamkeit zuteil. Ist die Schirmherrschaft für Sie mit ein Grund, diese Verletzungen zu enttabuisieren?

Der Wehrbeauftragte im Gespräch mit Hauptfeldwebel Frank Eggen und Fregattenkapitän Stephan RienschAuf jeden Fall. Der Initiator Frank Eggen hat dazu beigetragen, das Thema PTBS innerhalb und außerhalb der Bundeswehr zu entstigmatisieren. Bis heute spricht man in unserer Gesellschaft nicht gerne über psychische Probleme. Niemand gibt ohne weiteres zu, in psychiatrischer oder psychologischer Behandlung zu sein. Durch den Internetauftritt von „Angriff auf die Seele“ haben wir zum ersten Mal eine Plattform für Betroffene oder Interessierte. Sie erhalten Informationen über die Verletzung und Hinweise, wo sie Hilfe einholen können. Die Zahl der Besuche auf der Internetseite macht deutlich, wie groß der Bedarf an Information ist.


Wie gestalten Sie Ihre Schirmherrschaft aktiv?

Frank Eggen hat bei mir immer eine offene Tür. Wenn er ein Problem hat, werde ich versuchen, ihm zu helfen. Wir sind beide Pragmatiker. Wir sind auch beide von unserer christlichen Grundeinstellung geprägt. Wir sind beide der Auffassung, den Menschen beizustehen, die auf Hilfe angewiesen sind. Zum anderen beteilige ich mich an Podiumsdiskussionen, Chatauftritten, die er organisiert.


Verweisen Sie Soldaten, die sich mit ihren Eingaben an Sie wenden, gegebenenfalls auf „Angriff auf die Seele“?

Natürlich. Vor allen Dingen lade ich in regelmäßigen Abständen zu runden Tischen ein, wo „Angriff auf die Seele“ auch dazu gehört.


Im nächsten Jahr läuft Ihre fünfjährige Amtszeit aus. Wird Angriff auf die Seele weiterhin mit der Schirmherrschaft des Wehrbeauftragten rechnen können – unabhängig von der Person?

Zunächst bin ich ja noch im Amt. In dieser Zeit werde ich alles tun, damit das, was Frank Eggen entwickelt hat, auf eine feste Plattform gestellt wird. Dann wird die Initiative unabhängig sein von der Auswahl des Schirmherren oder der Schirmherrin.


Bedürfen solche Initiativen außerhalb der Bundeswehr Ihres besonderen Schutzes? Denn das Anliegen von „Angriff auf die Seele“ ist kein bequemes für die Bundeswehr.

Regierungspräsident Lindlar überreichte am 16. November die Stiftungsurkunde der Jenny-Böken-Stiftung an Marlis BökenDas ist mein besonderes Anliegen. Es gehört nicht zu meinen originären Aufgaben. Das gilt nicht nur für Angriff auf die Seele sondern auch die Jenny-Böken-Stiftung, die Selbsthilfegruppe, die sich um Alkoholiker in der Bundeswehr bemüht oder die im Aufbau befindliche Gruppe von Angehörigen gefallener oder anderweitig zu Tode gekommener Soldatinnen und Soldaten. Das sind alles Themen, die mit Tod, Verwundung, Behinderungen zu tun haben, die in unserer Gesellschaft nicht nur positiv besetzt sind, sondern über die oftmals ein Mantel des Schweigens ausgebreitet wird. Wenn ich in irgendeiner Weise dazu beitragen kann, dass wir auf diesen genannten Feldern vorankommen, dann bin ich zufrieden.



Wie ist denn der Stand beim Aufbau eines Kompetenzzentrums für PTBS?

Das müssen Sie den Inspekteur der Sanität fragen. Es ist kein Geheimnis, dass ich die bisherigen Vorstellungen der Sanitätsführung nicht ausreichend finde. Das, was angedacht wurde, kann den Anforderungen nicht gerecht werden. Wir brauchen ein eigenständiges Institut, ausgestattet mit ausreichend Personal, um vorbeugen, behandeln und forschen zu können. Auf diesen drei wichtigen Säulen muss die Arbeit des Instituts stehen. Dann ist es zweitrangig, in welchem Ort das Institut steht. Nach meiner Auffassung wäre es schon gut, wenn es einer Therapiestelle zugeordnet wäre, um dann auch ein ständiges Input zu haben für die Forschung.


Wann wird es kommen?

Das liegt nicht in meiner Hand. Ich bin der Überzeugung, dass der neue Minister sehr aufnahmebereit ist für dieses Thema.


Die Reservisten haben nach ihrem Ausscheiden keinen Zugriff auf die Hilfseinrichtungen der Bundeswehr, die sich um PTBS kümmern.

„Angriff auf die Seele“ hat eine große Bedeutung für ausgeschiedene Soldaten. Denn oft lässt sich erst nach Monaten feststellen, ob Verhaltensauffälligkeiten Symptome von PTBS sind. Diese ehemaligen Soldaten müssen die Möglichkeit haben, auf die sanitätsärztliche Expertise der Bundeswehr zurückzugreifen. Das ist im Moment nicht gewährleistet. Dieser Punkt ist mit einzubeziehen, wenn es darum geht, die PTBS-Versorgung zu optimieren.

Herr Robbe, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Das Interview wurde am 28.11.2009 von Almut Lüder im Amt des Wehrbeauftragten geführt.
Foto: 1 .Doreen Bierdel u. 2./3. Georg Schmitz