Home Informationen Aktuelles Seit Beginn des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan wurden mehr als 3.000 Soldaten aus gesundheitlichen Gründen zurückgeführt
Seit Beginn des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan wurden mehr als 3.000 Soldaten aus gesundheitlichen Gründen zurückgeführt
Geschrieben von: Frank Eggen   
Donnerstag, den 16. Juli 2009 um 10:28 Uhr

Generaloberstabsarzt Dr. med. Nakath (Foto: Dieter Ortmeyer Jr.)Im Rahmen einer Dienstaufsichtsreise besuchte der Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, Generaloberstabsarzt Dr. med. Kurt-Bernhard Nakath, vom 2. bis 6. Juni 2009 den Strategischen Lufttransportstützpunkt Termez in Usbekistan sowie die Standorte Mazar-e-Sharif und Kunduz in Afghanistan. Hauptmann d.R. Ortmeyer Jr. führte für den Sanitätsdienst mit dem Inspekteur ein Interview.

 

In dem Interview äußert sich Generaloberstabsarzt Dr. med. Nakath zu Themen wie der sanitätsdienstlichen Versorgung im Einsatz, die Stimmung der Truppe aus seine Sicht, Krieg oder nicht Krieg, über Erfolge, Probleme und Optimierungsbedarf sowie dem Thema Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

 

Qualität und Stimmung

Generaloberstabsarzt Dr. med. Nakath (Foto: Dieter Ortmeyer Jr.)Dr. Nakath unterstrich die neue Qualität des Einsatzes und die Situation der Soldaten in Afghanistan mit den Worten :“ Wenn man in die Gesichter der Soldatinnen und Soldaten geschaut hat, die jetzt für mehrere Monate nach Afghanistan gehen, hat man keine Ungezwungenheit oder Fröhlichkeit gesehen. Vielmehr kam Nachdenklichkeit zum Ausdruck. Man spürte, wie sich alle mental auf den bevorstehenden Einsatz einstellen.“

Die sanitätsdienstliche Versorgung bewertet der Inspekteur als hervorragend. Er habe selten ein Kontingent erlebt , dass so eng zueinander steht, das mit hoher Motivation und extrem ausgeprägtem Teamgeist die Aufgaben wahrnimmt.

 

Krieg oder nicht ?

Auf die Frage, ob in Afghanistan Krieg herrscht , weicht der Inspekteur auf das Völkerrecht aus: „Im Übrigen: Im völkerrechtlichen Sinne herrscht in Afghanistan kein Krieg.“

 

Rettungskette

Besonders hob Generaloberstabsarzt Dr. Nakath die Rettung von verletzten Soldaten hervor, bisher sei kein schwerstverletzter Patient, der von Afghanistan mittels StratAirMedEvac (Strategic Aero Medical Evacuation) nach Deutschland transportiert wurde, während des Fluges verstorben.

Seit Beginn des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan wurden mehr als 3.000 Soldatinnen und Soldaten aus gesundheitlichen Gründen nach Deutschland zurückgeführt.

 

Problemfelder

Als Problem benennt Nakath den Lufttransport von Verwundeten in Hubschraubern durch bestehe Engpässe und den geschützten Verwundetentransport. Aufgrund der Verschärfung der Sicherheitslage sieht er erhöhten Ausbildungsbedarf für bestimmte Teile des Sanitätsdienstes. Es gibt wünsche die „grüne“ – also die militärische Ausbildung, zu optimieren. Bestimmte Teile des Sanitätsdienstes sollten frühzeitig mit in die Ausbildung der Kampftruppe eingebunden werden.

 

Posttraumatische Belastungsstörung

Generaloberstabsarzt Dr. Nakath bestreitet, sich mit dem Thema PTBS nicht rechtzeitig beschäftigt zu haben. Zur Krankheit äußerte er:

Das Krankheitsbild ist kein neues, wenn man es überhaupt als Krankheit bezeichnen will. Im Grunde genommen ist es zunächst eine Reaktion auf außergewöhnliche, extreme Situationen, die in einer Erkrankung münden kann. Die auslösenden Eindrücke und Erlebnisse werden individuell unterschiedlich verarbeitet. Manche Betroffene benötigen hierbei Unterstützung. Sei es durch Kameraden, eine stabile Familie, durch die Militärseelsorge oder sie benötigen medizinische bzw. psychologische Hilfe. Vorrangiges Ziel unserer Maßnahmen ist es, präventiv zu wirken, d.h. den Soldaten in der Einsatzvorausbildung auf extreme Situationen vorzubereiten Darüberhinaus sensibilisieren wir Vorgesetzte, damit sie wissen, wie sie ein beginnendes PTBS erkennen und der Situation dann begegnen können. Bewährt hat sich auch unser sogenanntes Psychosoziales Netzwerk, in dem Militärseelsorger, Truppenpsychologen, Truppenärzte, Sozialarbeiter und viele andere kompetente Stellen innerhalb der Streitkräfte zusammenarbeiten. In unseren Bundeswehrkrankenhäusern haben wir uns auf entsprechende Zahlen von PTBS-belasteten Soldaten eingestellt und arbeiten in der Anschlussversorgung, in der Rehabilitation, eng mit mehreren zivilen Fachkliniken zusammen. Unser Betreuungsangebot wird abgerundet mit einer eingerichteten PTBS-Telefon-Hotline und einer im Internet geschalteten Informationsplattform. Natürlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein Soldat dennoch mit entsprechender Symptomatik durch das Netz der Vorsorge, der Überprüfung und der Überwachung rutscht. Insofern sind wir alle stets herausgefordert, unsere diesbezüglichen Vorgehensweisen weiter zu optimieren. Hier sehe ich eine wesentliche Aufgabe unseres neu in Berlin aufgestellten Komptenzzentrums für PTBS. Hier werden weiterhin u.a. wissenschaftliche Fragestellungen zu den Themen Dunkelziffer und Erfolg der Präventionsmaßnahmen zu bearbeiten sein.


Das Interview mit dem Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr führte Dipl.-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge (FH) Hauptmann d.R. Dieter Ortmeyer Jr. am 6. Juni 2009 – mehr als zwei Wochen vor dem Tod der drei deutschen Soldaten im Alter von 21 und 23 Jahren, die im Laufe von Gefechtshandlungen mit Aufständischen nahe Kunduz gefallen sind.

 

Das komplette Interview auf den Internetseiten des Sanitätsdienstes der Bundeswehr:


Foto: Dieter Ortmeyer Jr. 
Text: Frank Eggen / Dieter Ortmeyer Jr.