Home Grundlagen Posttraumatische Belastungsstörung Daheim – Auch die Angehörigen von Einsatzsoldaten sind Belastungen ausgesetzt
Daheim – Auch die Angehörigen von Einsatzsoldaten sind Belastungen ausgesetzt
Geschrieben von: Annelie Weigand   

Einsätze, Trennung auf Zeit!Ein Auslandseinsatz bedeutet nicht nur für die Soldaten Stress. Auch die Menschen, die sie zurücklassen, sehen sich mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Partner müssen den Alltag alleine bewältigen, der Elternteil in der Heimat muss sich alleine um die Kinder kümmern, Eltern bangen um das Leben ihrer Kinder. Mit dem Aufbruch ins Einsatzland beginnt auch für die Angehörigen ein ganz eigener Weg.

Eigentlich geht es schon viel früher los. Der Einsatzsoldat entschwindet seinem Zuhause, sobald die „Kommandierung zum Einsatz“ eingetroffen ist. Er begibt sich dann in Gedanken schon ins Einsatzland, an das er sich fortan mit dienstlichen wie auch privaten Vorbereitungsmaßnahmen annähert. An gemütliche Stunden ist da nicht mehr zu denken.

Unangenehme Dinge zum Auftakt

Vorbereitungszeit – das bedeutet nichts Gutes für die, die sich auf Abstinenz vorzubereiten haben: Ehe- und Lebenspartner, Kinder, Mütter, Väter, Freunde. Da treten Dinge in den Vordergrund, mit denen man sich nicht so gerne beschäftigt: Testamente verfassen, Vollmachten und Verfügungen unterzeichnen, Lebensversicherungen prüfen, ob sie denn auch den Todesfall in Krisengebieten absichern, finanzielle Angelegenheiten regeln, potenzielle Krisenszenarien im heimischen Umfeld voraussehen und dafür Vorsorge treffen, Verwundung und Tod in Betracht ziehen.

Sorge um heile Wiederkehr

Sobald der Soldat oder die Soldatin das Transportmittel in das Einsatzland bestiegen hat, beginnt sie – die Sorge um ihn oder sie. Für Monate wird sie zum beherrschenden Gedanken in den Köpfen und im Leben derer, die im abgesicherten Zuhause bleiben. Es besteht nur der eine Wunsch: Dass der in den Einsatz Ziehende wieder heil und gerne zurückkehren möge.

Nachrichten aus dem Einsatzgebiet werden von nun an ausgefiltert und eingesogen, als würden nirgends sonst auf der Welt wichtige Dinge passieren. Auch wenn es nicht vernünftig ist, schwebt mit jedem gemeldeten Attentat die Furcht durch den Äther, die oder der Liebste könnte darin irgendwie verwickelt sein.

Neue Dimension der Trennung

Die Angehörigen von Soldatinnen und Soldaten sind in der Regel an deren dienstlich bedingte Abwesenheiten gewöhnt. Doch mit dem Auslandseinsatz nimmt die Trennungserfahrung eine neue Dimension an. Darauf kann man sich kaum vorbereiten. Sich in Geduld zu üben, wird zu einer der Hauptaufgaben für die Daheimgebliebenen. Sie warten auf ein Lebenszeichen, einen Anruf, eine E-Mail, den Postboten. Sie hoffen, dass es nicht eines Tages an der Tür klingelt und eine schlimme Nachricht überbracht wird. Sie warten sehnlichst auf den Tag der Rückkehr.

Geduld passt nicht in den Alltag hierzulande, der von Hektik bestimmt wird. Irgendwann stellt sich die Frage, welche Art des Verlassenseins einen denn nun getroffen hat.

Probleme für den Partner

Mit zusätzlichen Problemen sieht sich vor allem der zurückgelassene Partner konfrontiert. Er ist nun in Eigenregie für das Glück im trauten Heim zuständig und verantwortlich, muss unter Umständen Aufgaben erfüllen, die innerhalb des Familienverbundes bisher der nun im Einsatz befindliche Partner erledigt hat.

Darüber hinaus fungiert er auch noch als Vermittlungsposten zwischen Einsatzsoldaten und den Daheimgebliebenen. Er muss die Kinder beruhigen und ihnen permanent die Abwesenheit des einen Elternteils erklären, sowie verhindern, dass dieser in Vergessenheit gerät. Verwandte und Freunde wollen von ihm über den Zustand des Soldaten auf dem Laufenden gehalten werden und versichert sein, dass seine Mission ein gutes Ende nimmt.

Die eigenen Bedürfnisse der Ehe- oder Lebenspartner geraten dabei leicht in den Hintergrund. Sie stoßen auch im sozialen Umfeld nicht nur auf Verständnis, gehört doch die Anteilnahme in der Regel den in der Fremde Weilenden. Manch einer sieht sich im Freundeskreis plötzlich zum fünften Rad am Wagen degradiert. „Ich wäre froh, wenn mein Partner einmal weg wäre“, „Das bringt doch einen Haufen Geld“, sind Sätze, die man des Öfteren vernehmen kann. Wie viel Geld das Risiko wert ist, krank oder getötet zu werden, den Bezug zur Heimat, zum Partner zu verlieren, mag aber keiner wirklich beziffern.

Harte Probe für die Beziehung

Ein Einsatz kann die partnerschaftliche Beziehung auf eine harte Probe stellen. Vier Monate sind eine lange Zeit, in der viel passieren kann – nicht nur im Einsatzland. Auch das Leben an der Heimatfront geht weiter. Die Eine oder der Andere lernt da mitunter ganz neue Seiten an sich kennen, gewinnt an Eigenständigkeit, findet neue Lebensinhalte. Die Partner können sich voneinander entfernen, eigene Wege einschlagen, die nach der Rückkehr des Einsatzsoldaten kaum noch sichtbare Kreuzungspunkte aufweisen.

Damit es nicht so weit kommt, ist es wichtig, über die Einsatzzeit engen Kontakt zu halten, alle Möglichkeiten der Kommunikation, die es gibt, ausgiebig zu nutzen: Telefon, E-Mail, Feldpost. Regelmäßiger Kontakt hält den Partner über die eigenen Erfahrungen, Sorgen und auch Freuden auf dem Laufenden, so dass die Kluft des Erlebten hier und dort nicht zu groß wird.

Fürsorge für die Familien

Für den Familienzusammenhalt einzutreten, hat sich die Familienbetreuungsorganisation (FBO) der Bundeswehr auf die Fahnen geschrieben. Sie kümmert sich in Abwesenheit der Einsatzsoldaten um die rund 25.000 Angehörigen in der Heimat und ist damit auch ein wichtiges Beruhigungsmittel für die Frauen und Männer, die ihren Dienst im Ausland tun und sich nicht unmittelbar um das Wohl ihrer Lieben kümmern können.

Inzwischen sind bundesweit 31 hauptamtliche Familienbetreuungszentren (FBZ) eingerichtet sowie bis zu 50 Familienbetreuungsstellen (FBSt), die nebenamtlich betrieben werden. Sie stehen den Familienangehörigen in Wohnortnähe über den gesamten Einsatzzeitraum mit Rat und Tat in allen nur denkbaren Belangen zur Seite. Wer Hilfe benötigt, kann sich an einen Mitarbeiter „seiner“ Betreuungseinrichtung wenden, der bei Bedarf auch Kontakte zu Psychologen und Seelsorgern herstellt. Die Mitarbeiter stehen als Gesprächspartner zur Verfügung, geben Auskunft über die aktuelle Lage im Einsatzland, haben ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Angehörigen, tragen umgehend zur Problemlösung bei oder vermitteln bei Bedarf an fachkundige Ansprechpartner.

Darüber hinaus organisieren die Betreuungseinrichtungen Informations- und andere Veranstaltungen wie etwa Grill- und Kinderfeste, Ausflüge oder Gesprächsrunden, die es den Soldatenfamilien ermöglichen, untereinander Kontakt zu knüpfen, sich auszutauschen, neue Freunde zu finden.

Überraschung zur Rückkehr

Naht die Zeit der Rückkehr, ist die Vorfreude groß. Groß sind meistens aber auch die gegenseitigen Erwartungen. Nicht immer haben beide dasselbe Ziel. So freut sich etwa der Heimgekehrte darauf, endlich wieder im eigenen Bett auszuruhen, während der Partner insgeheim schon Urlaubspläne geschmiedet hat, um dem heimischen Trott zu entfliehen.

Nach Monaten der Trennung muss der gemeinsame Alltag erst wieder neu gefunden, die Rollenverteilung neu austariert werden. Es braucht Zeit, sich wieder einander zu nähern und sich auf die Bedürfnisse des Partners wieder einzustellen. Es kann aber durchaus eine Bereicherung für die Beziehung sein, eine monatelange Trennung unter solch widrigen Umständen gemeinsam überstanden zu haben. Sie bietet die Gelegenheit, eingefahrene Lebensgewohnheiten zu überdenken und sich auf die Dinge zu besinnen, die im Leben wirklich wichtig sind.