Home Grundlagen Posttraumatische Belastungsstörung Verletzt – Wie seelische Verwundungen das Leben beeinträchtigen
Verletzt – Wie seelische Verwundungen das Leben beeinträchtigen
Geschrieben von: Annelie Weigand   

Soldaten üben die Erstversorgung von VerwundetenImmer in Alarmbereitschaft zu sein, bedeutet Stress. Einsatzsoldaten sind häufig im Stress. Sie verrichten ihre Arbeit in oft angespannter Atmosphäre, sie erleben Dinge, die weit außerhalb ihrer bisherigen Lebenserfahrung liegen. Davon bleibt die Seele nicht unberührt. Es ist wichtig, Stress und belastende Erlebnisse gut zu verarbeiten, Erkrankungen rechtzeitig zu erkennen und, wenn nötig, Hilfe zu suchen und anzunehmen. Je eher dies geschieht, desto besser sind die Chancen, heil davonzukommen.

Herzrasen und Zittern, Konzentrationsstörungen und Vergesslichkeit, Ängstlichkeit und Unsicherheit, Ruhelosigkeit und Essstörungen – dies sind nur einige aus einer langen Liste von Symptomen, die Stress im körperlichen und psychischen Bereich sowie im Verhalten nach sich ziehen kann.

Mit Stresssymptomen reagiert der menschliche Organismus auf bisher nicht erlebte, extreme oder auch lang anhaltende Belastungen. Der Organismus setzt damit Mechanismen in Gang, die der Überlebenssicherung dienen. Der Körper wird in einen Zustand höchster Erregung versetzt, um der vermeintlichen Bedrohung Paroli zu bieten. Die Art und Ausprägung der Reaktionen ist unter anderem abhängig von der persönlichen Lebenserfahrung, von vorhandenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Aufrechterhaltung der Handlungsfähigkeit in der akuten Stresssituation, vom aktuellen körperlichen und psychischen Zustand sowie von der Art, der Intensität und der Dauer der Belastung.

Stressabbau ist wichtig

Erst wenn Stress nicht abgebaut wird, der Anspannung keine Entspannung folgt, die Symptome über einen längeren Zeitraum anhalten oder sich verschlimmern, besteht die Gefahr, dass körperliche wie psychische Krankheiten entstehen. Im Einsatz ist diese Gefahr besonders groß, weil die Möglichkeiten zur Entspannung stark eingeschränkt sind. Zudem können sich über Monate hinweg einzelne einsatzbedingte Stressfaktoren (zum Beispiel Trennung von der Familie, Lebensbedingungen vor Ort), die für sich alleine genommen keine negativen Auswirkungen hätten, zu einem Problemkomplex summieren, der für den einzelnen nicht mehr zu bewältigen scheint.

Jeder hat sein eigenes Bewertungsschema

Die Soldaten lernen vor dem Einsatz, wie sie Stress und psychische Belastungen erkennen und bewältigen können. Trotzdem bleibt ein Risiko, denn weder lassen sich vorab alle potenziell auftretenden Gefahren vorhersehen und Reaktionsmechanismen darauf einüben, noch lässt sich voraussagen, welche Faktoren der einzelne vor Ort in welcher Intensität als Belastung empfindet.

Jeder Mensch besitzt ein individuelles Bewertungsschema, nach dem er bestimmte Situationen für sein Befinden als positiv oder negativ einstuft. Ebenso individuell gestalten sich effektive Bewältigungsmechanismen. Der eine findet neue Kraft beim Sport, während dieser für den anderen ein Gräuel ist und er eher beim Meditieren Stress abbaut.

Extreme Stresssituationen verarbeiten Menschen am besten, die generell ein ausgeglichenes Leben führen. Dazu gehören Verhaltensweisen wie eine gesunde Ernährung, genügend Schlaf, regelmäßige sportliche Aktivitäten, sich Ruhe und Entspannung gönnen, Techniken der Stressbewältigung erlernen und anwenden, soziale Kontakte pflegen, anderen Unterstützung gewähren und diese selbst von anderen annehmen.

Auftretende Störungen

Die psychischen Störungen, die Einsatzsoldaten erleiden können, reichen von einfachen bis hin zu massiven Belastungsreaktionen. Chronische Überforderung äußert sich in körperlicher und emotionaler Erschöpfung, Lustlosigkeit, Antriebslosigkeit, sozialem Rückzug, chronischer Müdigkeit oder Konzentrationsstörungen. Depressionen, Angst-, Panik- und psychosomatische Störungen sind die Folge.

Besonders schwer kann es Soldaten treffen, die potenziell traumatisierende Ereignisse erleben. Sie laufen Gefahr, an der Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) zu erkranken. Sie ist die schwerste Form aller menschlichen Stressreaktionen.

Was ist PTBS?

In der von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) herausgegebenen und weltweit zur Diagnosenklassifikation eingesetzten ICD-10 (International Classification of Diseases and Related Health, 10. Revision; übersetzt: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme), wird die Posttraumatische Belastungsstörung unter Ziffer F43.1 beschrieben. Demnach entsteht sie als „Reaktion auf ein außergewöhnlich belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde“.

Zu den typischen Symptomen zählen:

  • das immer wiederkehrende Nacherleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen, so genannten Nachhallerinnerungen oder Flashbacks, in Träumen oder Albträumen; aber auch Erinnerungslücken für das traumatische Ereignis und Vermeidungsverhalten von Situationen, die an das Trauma erinnern;
  • ständig erhöhtes Erregungsniveau mit Nervosität, Reizbarkeit, Schlafstörungen;
  • emotionaler und sozialer Rückzug, Angstzustände, Freudlosigkeit, Depressionen bis hin zu Selbstmordgedanken.

Eine PTBS kann direkt nach dem traumatischen Ereignis, aber auch erst Wochen, Monate, in Extremfällen sogar Jahre danach auftreten.

Gefahr für Soldaten

Soldaten im Einsatz können mit unterschiedlichen traumatisierenden Ereignissen konfrontiert werden. Sie können am eigenen Leib Geiselnahmen, Gräueltaten und Gewalt erleben, können Opfer von Anschlägen, Minen-, Verkehrs- oder sonstigen Unfällen werden. Sie können tote Kameraden identifizieren und bergen oder auch zivile Opfer versorgen müssen. In ihren Armen können Menschen, können Kinder sterben. Doch Soldaten können nicht „nur“ Opfer oder Zeugen solcher Vorfälle werden. Sie können im Falle der Abwehr von Terrorattacken selbst zur aktiven Beteiligung gezwungen werden.

Derartige Ereignisse rufen Reaktionen hervor, die die Betroffenen in starke Verwirrung bringen: Gefühle der Hilflosigkeit und Schuld, Übererregung, Panik, Desorientiertheit, Angst, versagt zu haben. Um sie zu bewältigen, müssen sich die Soldaten im Klaren sein, dass ihre Reaktionen eine normale Folge des Traumas sind, dass die Beschwerden vorbeigehen und das Leben danach weitergehen kann. Vielen gelingt es auch, innerhalb von Tagen oder Wochen die Erlebnisse zu verarbeiten. Dennoch kann niemals und für niemanden ausgeschlossen werden, dass sich nach einem traumatisierenden Ereignis eine PTBS entwickelt: Es kann jeden treffen.

Grenzen akzeptieren

Für jeden einzelnen ist es wichtig, die Grenze zu erkennen und zu akzeptieren, an der er alleine nicht mehr zurechtkommt. Schwäche zuzugeben ist des Soldaten Stärke allerdings nicht. Schon gar nicht, wenn es sich um psychische Probleme handelt.

„Ich habe die Angst gehabt, dass die Kameraden oder auch Bekannte, Freunde von einem denken, dass man ein Schlappschwanz, ein Schwächling ist. Und da habe ich erst mal sehr lang hinter dem Berg gehalten“, sagt ein PTBS-Betroffener. Auch die Angst vor dienstlichen Nachteilen hält die Soldaten davon ab, ihren wahren Zustand zu offenbaren.

Über die Angst reden, das kommt vor, wenn die Soldaten in vertrauter Runde abends zusammensitzen. Dann bahnt sich auch schon mal die eine oder andere Träne der Verzweiflung ihren Weg. Doch Hilfe in Anspruch zu nehmen, das ist ein anderes Paar Stiefel. „Da komme ich schon alleine mit zurecht, da muss ich alleine durch“, sind Gedanken, die den Soldaten bewegen.

Verdrängungsprozesse scheitern

So versuchen Soldaten, die Symptome einer PTBS mit sich herumtragen, oft auf eigene Faust in eine heile Welt zurückzukehren. Sie verdrängen ihr Leiden und geraten doch nur in einen Teufelskreis von Schmerz, Verdrängung, Scheitern und sich verschlimmernder Symptome, aus dem es so leicht kein Entkommen gibt.

Für Soldaten, die an einer PTBS leiden, gerät das Leben aus den Fugen. Sie leben in ständiger Furcht, nicht mehr normal zu sein, verlieren das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, ziehen sich von ihrer Umwelt und ihren Mitmenschen zurück. In ihrem Inneren breitet sich Kälte aus. „Man merkt es, dass man nicht mehr offen reden, nicht mehr lachen kann, in dem Moment, wo man eigentlich lachen sollte“, berichtet ein Soldat.

Die Bilder des erlebten Traumas tauchen auch zu Hause immer wieder unvermittelt auf, laufen wie ein Fernsehfilm neben dem tatsächlichen Geschehen ab oder vermischen sich mit diesem. Sie werden begleitet von Emotionen und Körperreaktionen, die mit dem Trauma in Verbindung stehen: Angst, Panik, Zitterkrämpfe, Gerüche von Blut, von Verbranntem in der Nase. Auslöser können ganz unterschiedliche Dinge sein – die Sirene eines Polizeiautos, Nachrichten im Fernsehen oder Radio, bestimmte Gerüche.

Für einen Soldaten wird der Spaziergang durch sein heimatliches Dorf zum Verhängnis: Gerade noch erfreut er sich an dem guten Zustand der Häuser, der schönen Umgebung, als ihm plötzlich die brennenden Dächer aus dem Einsatzgebiet vor die Augen kommen, er nun sein eigenes Dorf abfackeln sieht.

Hilfe annehmen tut gut

Soldaten tun gut daran, sich rechtzeitig helfen zu lassen. Durch eine frühzeitige psychotherapeutische Intervention kann der Entwicklung einer PTBS entgegengewirkt werden, sagen Fachleute. Sobald das Trauma rational und emotional verarbeitet ist, verliert es die Macht über den Patienten.

Guter Rat kommt von einem betroffenen Soldaten: Wenn viele offen darüber reden, auf ihre Vorgesetzten zugehen, dann wird auch das ein Teil der Normalität in der Bundeswehr werden. Und je mehr sich da melden, umso mehr Erfahrungen gibt es auch im Umgang mit den Leuten. Und dann kommt es meiner Meinung nach auch nicht zu Benachteiligungen.