Geschichte einer Diagnose
Geschrieben von: Liesa Dietl   

Logo: PTS(D)Die Posttraumatische Belastungsstörung (dt. PTBS, engl. PTSD= postraumatic stress disorder) wurde 1980 erstmals in das Diagnose-Manual DSM III aufgenommen, Hinweise auf eine PTBS tauchen jedoch schon in weit älteren Werken auf. Für die Symptome der Krankheit ziehen sich verschiedenste Bezeichnungen durch die Geschichte. Psychiater und Psychologen der American Psychiatric Association diskutieren deshalb aktuell im Rahmen der Erstellung der fünften Auflage des Diagnosemanuals DSM über eine Aufsplittung der Diagnose PTBS in die Unterkategorie „combat post-traumatic stress injury“.

Welche psychischen Folgen ein Trauma nach sich ziehen kann wurde 1900 v. Chr. das erste Mal von einem ägyptischen Arzt beschrieben (Veith 1965). Im Ersten Weltkrieg sprach man in Bezug auf die Kriegsgeschädigten von „shell shock”, „Granatfieber” oder einer Zitterkrankheit (= Kriegszitterer).

Allein in der britischen Armee zählte man bis Kriegsende 80.000 Soldaten, die ausgebrannt und nicht mehr einsatzfähig waren. Die Belastungen der Stellungskriege führten bei vielen Soldaten zu Symptomen, die man in der Psychiatrie bislang nur bei Frauen mit Hysterie diagnostiziert hatte.

Verwundete Scholdaten im 1. WeltkriegDas Eingepferchtsein in Schützengräben, die ständige Angst vor Verwundung und Tod, das Mitansehenmüssen des elenden Sterbens von Kameraden erschütterte die Soldaten aufs Tiefste. Viele hielten das Leiden und den chronischen Stress nicht mehr aus; sie schrien und weinten unkontrolliert, andere erstarrten, konnten sich nicht mehr bewegen und wurden stumm; wieder andere verloren das Gedächtnis und die Fähigkeit, Gefühle zu empfinden.

Obwohl von Ärzten schnell erkannt wurde, dass es sich hierbei um eine eigenständige Krankheit handeln musste, begrüßte die Bevölkerung psychisch traumatisierte Heimkehrer oft mit tiefster Verachtung. Betroffene Soldaten wurden für Feiglinge erklärt und teilweise sogar von der Armeeführung wegen Feigheit erschossen. Man hielt organische Faktoren wie ins Gehirn eingedrungene Bombensplitter oder aber schlicht Simulation für die Ursache der Störung.

Erst als im zweiten Weltkrieg ganz ähnliche Symptome wieder auftauchten, begann die systematische Beschäftigung mit dem Thema PTBS langsam. Ziel jedes Therapieversuches war jedoch nur die Wiederherstellung der militärischen Verwendungsfähigkeit- und das so schnell wie möglich. An die Möglichkeit sorgfältiger, längerfristiger Therapien wurde auch nach dem Krieg kaum gedacht.

Um das Schicksal der Kriegsheimkehrer kümmerte sich kaum jemand. Sowohl die Soldaten als auch die Zivilbevölkerung waren nach Kriegsende das "Tätervolk" und eine Thematisierung ihrer Erfahrungen schien nicht angebracht. Über die Erlebnisse im Zusammenhang eigener Verbrechen wurde ebenso hartnäckig geschwiegen wie über das eigene Leiden im Zusammenhang mit Bombardierungen, Flucht, Vertreibungen, Vergewaltigungen, Hunger oder Kriegsgefangenschaft.

Etwas anders gestaltete sich dies bei Überlebenden des Holocausts. Der Begriff Überlebenden- Syndrom (William G. Niederland) beschrieb die psychischen Folgen der Verfolgung und der KZ-Inhaftierung im nationalsozialistischen Regime. Nach Kriegsende brach eine intensive Diskussion unter Gutachtern über die Frage aus, inwieweit die Symptome der heutigen PTBS Krankheitswert besaßen. Tatsächlich wurde erst ab 1965 von deutschen Gerichten die Möglichkeit eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen psychiatrischen Zuständen und der Verfolgung im Dritten Reich anerkannt. Obwohl in den sechziger Jahren bereits Studien über die verschiedenen Symptome der PTBS vorlagen, steckte die wissenschaftliche Erforschung von Traumata noch in den Kinderschuhen.

Abram Kardiner (1891-1981) beklagte sich noch 1969 in einem Artikel über Kriegsneurosen im "American Handbook of Psychiatry" über die Uneinheitlichkeit der Terminologie beziehungsweise über die vorherrschende Begriffsverwirrung, die einem Fortschritt der Forschung im Weg stand.

Erst mit dem Vietnamkrieg (1964-1975) änderte sich daran grundlegend etwas. Soldaten, die bereits während ihres Einsatzes in Vietnam die typischen Symptome der PTBS zeigten, die man schon von anderen Opfern von Krieg und Gewalt her kannte, waren nicht mehr bereit, über ihre Qualen zu schweigen. Das erste Mal in der Geschichte sprachen Veteranen öffentlich über ihre Erfahrungen und machten mobil gegen einen Krieg, an dem sie selbst teilgenommen hatten und dessen Kämpfe noch immer andauerten. Dieses Engagement für die Betroffenen und die ungewohnte Offenheit erzeugten ein öffentliches Bewusstsein für das Wesen des Krieges und eine kritische Einstellung in der Bevölkerung, die alte Denkstrukturen durchbrach. Damit wurde erstmals erreicht, dass man langfristigen psychischen Kriegsverletzungen wirklich Beachtung schenkte.

Eine systematische psychiatrische Forschung wurde in Angriff genommen, die schließlich den Beweis für einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen traumatisierenden Erlebnissen und langfristigen psychischen Folgeschäden erbrachte. Die offizielle Anerkennung der posttraumatischen Belastungsstörung als Krankheit erfolgte 1980 mit der Aufnahme der Störung in den DSM-III.

Jedoch befindet sich der Begriff PTBS bis heute in einem Spannungsfeld. Betroffene fühlen sich durch die Bezeichnung „Störung“ stigmatisiert und entmutigt in ihrer Hoffnung auf Hilfe und Behandlung. Psychiater und Psychologen der American Psychiatric Association diskutieren deshalb aktuell im Rahmen der Erstellung der fünften Auflage des Diagnosemanuals DSM über eine Aufsplittung der Diagnose PTBS in die Unterkategorie „combat post-traumatic stress injury“.

Damit wäre deutlicher als jemals zuvor betont, dass die PTBS eine Folge der Kriegserfahrungen ist und nicht in einer persönlichen Schwäche oder ähnlichem begründet liegt. Mit der Initiative zur Namensänderung hofft man, nicht zuletzt auch die alarmierend hohen Suizidraten unter Soldaten zu reduzieren. Eine aktuelle erschienene Statistik weist allein für November 2011 260 potentielle Suizide von aktiven Soldaten und Reservisten der amerikanischen Armee aus.

Die Stigmatisierung, die mit der Diagnose PTBS einhergeht, wird dafür als zumindest teilweise ursächlich angesehen. Nach wie vor zögern viele Soldaten, sich bei Symptomen wie Depressionen, Alpträumen oder Suizidgedanken Hilfe zu holen. Angst vor Spott, Stigmatisierungen und dem frühzeitigen Ende von Beförderungen sind nur einige der Gründe dafür. Ist es Soldaten dagegen möglich, sich anonym zu informieren oder anonym auf Hilfe zuzugreifen, vervierfacht das die Wahrscheinlichkeit, dass sie dies tatsächlich tun. Egal ob nun PTBS oder „combat post-traumatic stress injury“- wichtig ist, sich vor allem darauf zu konzentrieren, wie man am besten den Betroffenen helfen kann.

Sollte die Bezeichnung der Diagnose tatsächlich Betroffene davon abhalten, sich Hilfe zu suchen, dann ist es vielleicht tatsächlich wieder einmal Zeit für einen neuen Namen.

 

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Text: Liesa Dietl