Home Grundlagen Einsatz Belastungen bei Auslandseinsätzen
Belastungen bei Auslandseinsätzen
Geschrieben von: Annelie Weigand   
Bundeswehr Bus in der kargen Landschaft von AfghanistanSoldaten, die in den Einsatz gehen, sind besonderen psychischen Belastungen ausgesetzt. Sie betreten fremdes Terrain, müssen auf gewohnte Annehmlichkeiten verzichten, sind für Monate von Familie und Freunden getrennt, leben in ständiger Sorge um Leib und Leben. Manchmal wird das Erlebte zu viel für die Seele.
Mit dem Einsatz verabschiedet sich der Soldat aus einer vertrauten Welt, ohne zu wissen, ob und in welchem Zustand er in sie zurückkehren wird. Ungewiss bleibt auch, ob er sie bei seiner Rückkehr so vorfinden wird, wie er sie verlassen hat. In der Vorbereitungszeit müssen in kürzester Zeit dienstliche Programme absolviert wie auch private Angelegenheiten geregelt werden. Es heißt Abschied zu nehmen, als könnte es ein Abschied für immer sein – vom Partner, der Familie, Freunden, von Lebensgewohnheiten, an die vielleicht nach dem Einsatz nicht mehr angeknüpft werden kann.

Lebensabschnitt in einer anderen Welt

Im Einsatzland tut sich eine andere Welt auf. Obwohl die Soldaten auf die aktuellen Lebensbedingungen dort vorbereitet werden, sieht die Wirklichkeit anders aus, als sich dies vorab in der sicheren heimischen Umgebung erahnen lässt. Zu fremd sind die Eindrücke, die den Weg in die Unterkünfte säumen: zerschossene Gebäude, Kriegsschrott, in öden Landschaften einfach stehen gelassen, in Lumpen gekleidete Kinder, die verloren am Straßenrand spielen. Armut und Elend in der Bevölkerung, stets schwebt ein Hauch von Lebensbedrohung über allem. Jeder beladene Esel, jedes am Straßenrand geparkte Fahrzeug, jeder abgestellte Kanister kann die Deponie für einen Sprengsatz sein. Die Bedrohung ist immer da, jede Minute, rund um die Uhr, jeden Tag.

Dauerstress in gefährlichem Umfeld

Jeder Soldat muss sich vor Ort erst einmal auf die Gegebenheiten einstellen, muss letztlich seinen eigenen Weg finden, die Konfrontation mit Entbehrung, Verwüstung, Gewalt, Verletzung und auch Tod zu bewältigen. Die stete Gefahrenlage setzt die Soldaten permanent unter Stress. Sie müssen lernen, mit der Angst als ständigem Begleiter zu leben. Ihre tägliche Ausrüstung weist sie darauf hin: Splitterschutzweste, Gefechtshelm, eine Waffe stets griff- und schussbereit.
Eine Portion Angst zu haben ist wichtig, sonst kann Leichtsinn schnell zum Verhängnis werden. Wer einige Zeit ohne Blessuren überstanden hat, wiegt sich leicht in Sicherheit, achtet nicht mehr hochkonzentriert auf lauernde Gefahren, betritt achtlos ungesichertes Gelände, wird unvorsichtig im Umgang mit militärischem Gerät.

Belastungen im Alltag

Neben der ständigen Anspannung durch potenziell bedrohliche Situationen schlagen ganz alltägliche Dinge aufs Gemüt des Einsatz-Soldaten. Da gilt es, sich auf extreme Klimabedingungen und landestypische Krankheiten einzustellen, da muss man sich über einen langen Zeitraum mit den Kameraden auf engstem Raum arrangieren, über Monate hinweg sind Intimsphäre und Sexualleben stark eingeschränkt.
Darüber hinaus muss die Trennung von Familie und Freunden, die Sorge um ihr Wohlergehen verkraftet werden. Mitunter kommen auch aus der Heimat schlechte Nachrichten: eine SMS von der Lebensgefährtin, die eine neue Liebe gefunden hat, die Meldung über Erkrankungen oder Todesfälle im sozialen Umfeld.
Mit den Einschränkungen im Alltag werden die Soldaten auf ganz unterschiedliche Weise fertig. Die einen finden in Gesprächen mit Kameraden Entspannung, andere beim Rückzug und Lesen, wieder andere reagieren sich bei Sport ab oder bei Fernsehen und Videospielen.

Bedrohung des Seelenheils

Es sind die Dauerbelastung, die das Leben in einem gefährlichen Umfeld fernab der Heimat mit sich bringt, oder auch einzelne schreckliche Erlebnisse, die das Seelenheil bedrohen. Auslandseinsätze sind keine Routine. Jeder Tag kann neue, böse Überraschungen mit sich bringen.
Lassen sich diese nicht mehr bewältigen, kommt es zu psychischen Störungen, im schlimmsten Fall zur Ausbildung der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).
Besonders schwere Angriffe auf die Seele stoßen Soldaten zu, denen traumatische Erlebnisse widerfahren, die selbst Opfer von Anschlägen oder Unfällen werden, die am eigenen Leib Gewaltakte erleben oder auch nur Augenzeugen von Vorfällen mit Verletzten und Toden werden. Die direkte Konfrontation mit Verwundung und Tod stellt die Psyche auf eine harte Probe. Nicht selten hält sie den Belastungen nicht stand, ruft Reaktionen hervor, die die Betroffenen in eine tiefe Lebenskrise stürzen können.

Schutz für die Seele

Mit dem Rahmenkonzept zur Bewältigung psychischer Belastungen von Soldaten will die Bundeswehr ihre Soldaten im Einsatz vor den Gefahren seelischer Erkrankungen schützen. Es regelt und koordiniert eine Vielzahl von Maßnahmen, die zur Stärkung und Wiederherstellung der psychischen Stabilität in den drei Phasen vor, während und nach dem Einsatz erforderlich sind. Die Maßnahmen werden kontinuierlich neuen Erkenntnissen angepasst. Ergänzend sind dazu im Medizinisch-Psychologischen Stresskonzept der Bundeswehr die Aktivitäten des Sanitätsdienstes und des Psychologischen Dienstes aufeinander abgestimmt.
Die Konzepte zielen darauf ab, die Soldaten möglichst intensiv und realistisch auf einsatzbedingte psychische Belastungen und den Umgang damit vorzubereiten, sicherzustellen, dass auftretende Störungen rechtzeitig erkannt und abgebaut sowie Erkrankungen fachgerecht behandelt werden.
Je nach Schwere und Ausmaß der akuten Belastung auf den einzelnen sollen dabei über drei Ebenen hinweg unterschiedliche Personenkreise unterstützend einschreiten. Die Ebenen erstrecken sich von der Selbst-, Kameraden- und Vorgesetztenhilfe über die Betreuung durch Psychologen, Sozialarbeiter und Seelsorger bis hin zu therapeutischen Maßnahmen durch Psychotherapeuten oder Psychiater.

Grenzen der Absicherung

In jüngster Zeit wurde die Unzulänglichkeit des Konzeptes in den Medien und auch in Bundeswehr-Kreisen angeprangert. Auch wenn es nur im Sinne der Soldaten sein kann, die Schutzschilde kontinuierlich zu verbessern, bleibt eines doch sicher: Einen hundertprozentigen Schutz für das Seelenleben gibt es für Einsatz-Soldaten ebenso wenig wie für die Unversehrtheit des Körpers.
Ein Auslandseinsatz kann jeden Soldaten an seine persönlichen Grenzen führen – körperlich wie seelisch. Nur allzu schnell sind diese überschritten. Sich in der Welt des Einsatzes zurechtzufinden sowie aus ihr wieder unversehrt in die heimische Welt einzutreten und dort Fuß zu fassen, verlangt den Soldaten eine gehörige Portion Mut, Stärke und Vertrauen ab.