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EMDR und EFT bei der Posttraumatischen Belastungsstörung
Geschrieben von: Dr. rer. nat. Siegfried Mohr   

Polizisten, Feuerwehrleute, Ärzte, Soldaten, Rennfahrer üben ständig bestimmte Fähigkeiten, um in ihrem Arbeitsalltag auch in Ausnahmesituationen richtig zu reagieren. Dies ist uns so  vertraut, dass wir gar nicht mehr fragen, ob das so sein muss. Es wäre doch toll, wenn wir alles nur ein einziges Mal lernen müssten.

Tatsächlich gibt es Fälle, wo wir in Sekundenschnelle lernen. Krempeln wir die Hosenbeine hoch und laufen durch ein Brennnesselfeld. Niemand wird länger als zwei Sekunden brauchen, um zu lernen, was Brennnesseln sind und diese Erfahrung für immer im Kopf behalten.

Die moderne Hirnforschung versteht in den letzten Jahren immer besser, wie unser Gehirn arbeitet. In der Traumatherapie haben sich neue Techniken etabliert, die durch die neuen Erkenntnisse der Hirnforschung begründet werden. Man bewertet heute die Rolle des Unterbewusstseins viel stärker als früher. In Gefahrensituationen übernehmen angeborene oder erlernte Programme die Kontrolle. Das Ziel solch eines Programms ist immer, das Leben zu retten. Wenn Menschen in einer lebensbedrohlichen Situation angreifen, weglaufen oder sich tot stellen, dann laufen angeborene (ererbte) Programme ab, denen schon die Dinosaurier ihr Leben verdankten. Die Natur ist äußerst konservativ, Bewährtes bleibt erhalten.

In jeder Gefahrensituation wird massiv Adrenalin ausgeschüttet, um Energie für die körperliche Reaktion bereit zu stellen. Durch Weglaufen oder Angreifen wird diese Energie umgesetzt. wenn man starr vor Angst ist, bleibt die Energie gespeichert. Wenn sich die Starre löst, laufen! Menschen, die regelmäßig längere Strecken joggen, erzählen, dass bei Kilometer 8 plötzlich der Kopf klar ist. Körperliche Bewegung ist die erste Hilfe bei Traumen. Löst sich die Starre zu langsam, beginnt der Mensch vor Angst zu schlottern. Hier wird durch Muskelzittern die überschüssige Energie umgesetzt. Weiser Körper.

Wenn ein Steinzeitmensch Beute gemacht hat, wird er instinktiv ständig die Gegend nach Feinden absuchen. Entfernt bewegt sich ein Busch und ein Raubtier schießt hervor. Da der Urzeitmensch vorsichtig war, konnte er sich retten. Ein paar Tage später ist er in einer ähnlichen Situation. Wenn sich jetzt ein Busch bewegt, wird er sofort an das Raubtier denken und sich früher in Sicherheit bringen. Er hat ein neues Programm gelernt. Erleben wir eine starke Emotion, speichert das Gehirn alle damit verbundenen Eindrücke nahezu unauslöschlich ab.

Wir hören DAS Lied und sehen uns mit unserer ersten großen Liebe auf der Tanzfläche und fühlen uns wohl. Wir riechen Weihnachtsplätzchen und sind in Gedanken als Vierjährige bei der Oma, die gerade Plätzchen backt. Ein Geruch, ein Lied, eine Berührung reichen, um uns in die damalige Zeit zu versetzen und die positiven Gefühle zu spüren.

Die Werbewirtschaft weiß längst, dass der Verkauf über Emotionen geht. Jeder Gegenstand soll ein positives Gefühl hervorrufen. Muss der gekaufte Gegenstand jedoch in vier Wochen dreimal repariert werden, stimmt uns der Anblick des Gegenstandes ärgerlich.

Ein Soldat erlebt, wie ein Fahrzeug von einer Granate getroffen und ein Kamerad getötet wird. Später versetzen ein lauter Knall, ein starkes Vibrieren, Schmerzensschreie den Soldaten sofort wieder in den gleichen Gefühlszustand wie damals. Er fühlt die eigene Hilflosigkeit, die Wut und Trauer. Wenn ein Mensch diese Belastung nicht auflösen kann, dann wird er sich in Gedanken immer häufiger damit beschäftigen und Flashbacks erleiden. Der ganze Prozess verselbständigt sich, der Traumatisierte wird sich von seiner Umwelt zurückziehen, depressiv oder aggressiv werden.

Niemand weiß vorher, welcher Mensch durch ein Trauma so stark belastet wird, dass er es lange nicht überwindet. Häufig kommen Menschen von allein darüber hinweg. „Zeit heilt Wunden“ gilt für die körperliche wie für die seelische Ebene. Manchmal können wir die Belastung in Worte fassen, um sie zu begreifen: das Gespräch nach dem Einsatz. Manchmal verschlägt es  Menschen im Schock die Sprache. Durch die modernen Traumatechniken kann man den Schock lösen, die Selbstheilung in Gang bringen und den Heilungsprozess beschleunigen.

Dazu muss die Verknüpfung zwischen dem Erlebnis und dem Gefühl gelöscht werden. In anderen Bereichen ist diese Idee dahinter längst erkannt worden. Im Spitzensport (Heiner Brand bei der Handballnationalmannschaft, Jürgen Klinsmann bei den Fußballern) und im Coaching (Managementausbildung bei VW) werden diese Methoden erfolgreich eingesetzt.

Ein Fußballspieler wird im Zweikampf schwer verletzt.  Nach der völligen körperlichen Genesung haben Beobachter den Eindruck, dass er sich im Zweikampf nicht voll einsetzt. Sein Unterbewusstes hat die Verletzung und den Schmerz fest mit dem Zweikampf verknüpft. Es lässt ihn eine ähnliche Situation meiden, um den Körper vor einer erneuten Verletzung zu schützen.

Ein junger Mann hat während der Schule eine heftige Auseinandersetzung mit seinem Englischlehrer. Fortan mag er die Sprache nicht. Als er Karriere macht, muss er Vorträge auf Englisch halten, was für ihn eine große Qual bedeutet. Hier hat sein Unterbewusstsein die Auseinandersetzung mit dem Lehrer mit der Sprache verbunden. Sobald er Englisch sprechen soll, fühlt er sich unwohl und will diesem Gefühl ausweichen. In der Wirtschaft nennt man die Hilfe für die Betroffenen Coaching oder (Mental-)Training, da ja die Menschen nicht krank sind. Bei traumatisierten Soldaten ist die zu verarbeitende Belastung größer, aber prinzipiell mit den gleichen Techniken behandelbar.

EMDR

Francine Shapiro, vor ca. 20 Jahren Psychologiestudentin und an Krebs erkrankt, entdeckte zufällig, dass heftige Augenbewegungen ihren Gefühlszustand deutlich verbesserten. Im Traum machen Menschen schnelle Augenbewegungen (REM Rapid Eye Movements) und verarbeiten Tageserlebnisse. „Schlaf mal drüber“ ist der sprichwörtliche Rat, bevor wir eine wichtige Entscheidung treffen. Francine Shapiro entwickelte aus ihrer Entdeckung die Traumatherapie EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Diese wird heute z.B. von Katastrophenhelfern weltweit eingesetzt.

Es gibt unzählige Berichte über den erfolgreichen Einsatz bei Soldaten des Vietnamkriegs oder des Golfkriegs. Bei der EMDR Behandlung geht der Soldat in ein belastendes Gefühl z.B. die Hilflosigkeit nach dem Granateneinschlag. Der Therapeut bewegt einen Finger hin und her, die Patientenaugen folgen. Durch die Augenbewegungen beginnt ähnlich wie im Traum die Aufarbeitung der Emotionen, diese werden abgeschwächt und verschwinden schließlich völlig. Der Soldat kann akzeptieren, dass er nicht helfen konnte. Er hat sich völlig korrekt verhalten, niemand hat irgendeine Schuld.

EFT

Die zweite Behandlungsmethode entdeckte nahezu zeitgleich der amerikanische Psychologe Roger Callahan. Eine junge Patientin von ihm hatte Angst vor Wasser. Am Behandlungstag hatte sie Magenschmerzen, die er durch Beklopfen eines Akupunkturpunktes lindern wollte. Dabei löschte er gleichzeitig die Wasserphobie. Callahan entwickelte aus diesem Zufallsbefund die Thought Field Therapy TFT. Der Amerikaner Gary Craig vereinfachte TFT zu EFT (Emotional Freedom Techniques). Auch hier geht der Klient in ein belastendes Gefühl. Der Therapeut beklopft sanft Akupunkturpunkte am Kopf und den Händen. Dabei werden ebenfalls belastende Gefühle abgeschwächt und aufgelöst.

Beide Methoden haben eine Erfolgsrate von ca. 80 % und sind oft schneller als herkömmliche Behandlungsmethoden. Beide Methoden sind pragmatisch auf das Ziel ausgerichtet, es wird niemandem eine Psychomacke angehängt. Es geht darum, alte Lernprozesse zu löschen und durch neue zu ersetzen. Beide Verfahren betonen nicht das „Du musst nur hart genug wollen“, sondern sagen „Lass die Vergangenheit los, dann läufst Du unbeschwerter“.

Liest man mögliche Anwendungsgebiete beider Methoden, kommt man zwangsläufig zu dem Eindruck, da soll wieder die eierlegende Wollmilchsau verkauft werden. Akzeptiert man jedoch, dass diese Methoden einfach die seelische Selbstheilung anstoßen, kann man viele verblüffende Erfolge nachvollziehen. ´Klassische´ Ängste wie Flugangst, Höhenangst, Angst im Fahrstuhl, Prüfungsangst, Angst in der Öffentlichkeit aufzutreten, lassen sich sehr gut behandeln. Angst mindert immer das Selbstbewusstsein, so dass sich Menschen nach einer Behandlung über ihr größeres Selbstwertgefühl freuen.

Bei Soldaten stehen Gefühle wie Hilflosigkeit, Schuld, Wut, Trauer im Vordergrund, aber auch Mobbing. Auch sorgen sich die Soldaten über ´Alltagsprobleme´: finanzielle Sorgen, wie geht es der Familie, kommen die ohne mich zurecht? Analog ängstigen sich die Angehörigen: wird der Junge überleben? Was ist, wenn mein Mann verkrüppelt zurückkommt?

EFT ist auch von Laien leicht zu lernen und kann vom Klienten selber angewendet werden. Klopft der Klient selber, ist er vom Therapeuten unabhängiger und der Erfolg tritt früher ein. Für traumatisierte Soldaten steht natürlich die Behandlung und Hilfe im Vordergrund. Ich habe oft Menschen im akuten Schockzustand beklopft und bin immer wieder fasziniert, wie schnell sich dieser löst.

Könnten Soldaten das Klopfen schon in der Grundausbildung lernen, verknüpft mit dem Wissen um unser automatisches Handeln in Gefahrensituationen, gäbe es weniger Mobbing. Die Soldaten könnten innerlich ruhiger ihren Dienst antreten. Sie könnten ihren Angehörigen die Methode beibringen, so dass auch diese ein Hilfsmittel nutzen können. Sei es auch nur, dass die Ehefrau dem Kind die Angst vor einer Klassenarbeit wegklopft.

Mit EFT hat man eine einfach zu lernende und anzuwendende Technik, die immer einsatzbereit ist, man braucht nur den eigenen Finger. Die Soldaten können sich selber helfen und ihre Angehörigen zuhause auch. Natürlich braucht es ausgebildete Therapeuten für die schweren Fälle. Aber die erste Hilfe gibt es schon an der Front.

 

Mit freundlicher Genehmigung von
Dr. rer. nat. Siegfried Mohr
Berlin