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Seelenheil – Hilfe im Kampf gegen den „Psychostress“
Geschrieben von: Annelie Weigand   

Soldaten im Einsatz werden mit ihren Ängsten und Nöten nicht allein gelassen. Sie können auf ein Betreuungsnetz bauen, das darauf abzielt, Attacken auf die Psyche zu minimieren, deren Auswirkungen rasch zu erkennen und abzuwehren sowie im Falle einer Verletzung fachgerecht zu beheben. Dafür setzen sich viele Menschen ein.

Da sind Kameraden, die aufeinander achtgeben; da sind Vorgesetzte, deren Pflicht es ist, das Befinden ihrer Soldaten im Auge zu behalten; da sind Psychologen und Seelsorger, die sich den Sorgen der Soldaten annehmen; da sind Mitarbeiter der Familienbetreuung, die sich darum kümmern, dass zu Hause alles in Ordnung ist; da sind Ärzte, Psychotherapeuten und Psychiater, die sich dafür einsetzen, dass erkrankte Soldaten wieder gesund werden. Sie alle können dem Einzelnen helfen, Probleme zu lösen, Belastungen zu bewältigen, Krisen zu überwinden. Jeder Soldat kann sich jederzeit an eine Person seines Vertrauens wenden, wenn er den Belastungen nicht mehr gewachsen ist.

Angst vor Blamage und Nachteilen

Dies kann im Einsatzland schnell der Fall sein, wenn der Alltag zwischen Lebensgefahr und Routine an den Nerven zerrt, das Heimweh die Stimmung trübt oder gar schlimme Erlebnisse einen an den Rand der Verzweiflung bringen. Über persönliche Befindlichkeiten zu reden wäre dann gut.

Dazu fehlt aber vielen Soldaten der Mut. Zu groß ist die Angst vor einer Blamage und auch davor, dass alles, was man sagt, gegen einen verwendet wird, Eingang in die Personalakte findet, einem zum Nachteil gereicht. Es kann also nur gut sein, wenn im Rahmen der psychologischen Betreuung Schutzmechanismen eingebaut sind, die es dem Soldaten erleichtern, Hilfe anzunehmen.

Verantwortung der Vorgesetzten

Vorgesetzte tragen zum Schutz ihrer Soldaten eine besondere Verantwortung. „Das Erkennen und Vermeiden psychischer Belastungsreaktionen, die sich aus den Anforderungen an den Soldaten ergeben, ist ständige Führungsaufgabe des Vorgesetzten“, heißt es dazu aus dem Verteidigungsministerium. Er hat dafür zu sorgen, dass es den Soldaten gut geht, muss sie im Auge behalten und auf Verhaltensänderungen achten, die auf eine ernst zu nehmende Störung hinweisen, und dann die notwendigen Hilfsmaßnahmen in die Wege leiten.

Für diese Aufgabe werden Vorgesetzte geschult, und sie werden auch von Psychologen dazu beraten, wie sie psychisch belastete Soldaten erkennen und angemessen mit ihnen umgehen.

Vorgesetzte beeinflussen mit ihrem Verhalten gegenüber psychisch belasteten Soldaten zudem ganz maßgeblich deren Bereitschaft, über Probleme zu reden und Hilfsangebote anzunehmen. Zeigen die Chefs sich verständnislos, bagatellisieren sie die psychischen Beschwerden ihrer Soldaten oder belächeln sie gar, werden diese kaum einen Sinn darin sehen, über ihr Leiden zu sprechen.

Kompetente Gesprächspartner

Ihr Leid klagen können Soldaten im Einsatzland aber auch denen, die sich von Berufs wegen für das psychische Wohlergehen anderer einsetzen: Truppenpsychologen, Militärseelsorger. Auch sie halten am Einsatzort Augen und Ohren auf, versuchen, die Soldaten zum Reden zu bewegen über das, was sie belastet, sind da, hören zu, zeigen Möglichkeiten der Entlastung auf. Das Vertrauen der Soldaten müssen sie sich allerdings erst verdienen. Nur dann, wenn es vorhanden ist, wagt es der eine oder andere, sich in einem persönlichen Gespräch Luft zu verschaffen.

Die Soldaten kommen mit allen möglichen Fragen zu ihnen: private Probleme, Trennungsängste, Konflikte, die sich auf Grund der engen Lebensgemeinschaft im Feldlager mit Kameraden und Vorgesetzten ergeben, aber auch ethische und Glaubensfragen liegen den Soldaten auf dem Herzen. In der Seelsorge findet der eine oder andere Soldat in der Fremde sogar seinen Weg zu Gott und neue Kraft im christlichen Glauben, entschließt noch am Einsatzort, sich taufen zu lassen. An Zulauf mangelt es den Geistlichen nicht: „Wir haben ordentlich zu tun“, sagt Joachim Simon, Referatsleiter für internationale und weltkirchliche Fragen beim Katholischen Militärbischofsamt in Berlin.

Erste Hilfe am Einsatzort

Soldaten, die psychisch belastet sind, erhalten zunächst Hilfe im Kameradenkreis und von Vorgesetzten. Unterstützung aus dem Kameradenkreis, die psychologische Selbst- und Kameradenhilfe, ist im ersten Moment zur Bewältigung akuter Belastungsreaktionen wirksamer als das Eingreifen professioneller Kräfte, etwa von Psychologen. In den meisten Fällen reichen solche Erste-Hilfe-Maßnahmen aus, um dem Einzelnen wieder Halt zu geben. Ist dies nicht der Fall, werden Truppenpsychologen aktiv, die in ihren Bemühungen auch von Truppenärzten und Militärseelsorgern unterstützt werden.

Nach potenziell traumatisierenden Einzelereignissen werden besondere Maßnahmen eingeleitet, die von dazu qualifizierten Kriseninterventionsteams (KIT) durchgeführt werden. Die KIT werden von Psychologen oder Ärzten geleitet und durch psychologisch speziell geschulte Soldaten, den „Peers“, verstärkt. Diese kümmern sich als Ersthelfer um ihre Kameraden und versuchen in Gesprächen, den Zustand des Betroffenen zu stabilisieren und ihn davon zu überzeugen, dass seine Beschwerden normale Reaktionen auf außergewöhnliche Umstände sind und dass sie vorübergehen. Der Begriff Peer leitet sich aus dem Englischen ab und beschreibt eine gleichgestellte Person. Peers erfüllen eine wichtige Funktion, weil sie den Soldaten als einer von ihnen näher stehen, als dies Vorgesetzten oder Psychologen möglich ist.

Die Unterstützungsangebote am Einsatzort sind keine therapeutischen Maßnahmen. Sie sollen akute Belastungsreaktionen lindern und somit verhindern, dass die Soldaten schwerwiegende psychische Störungen entwickeln.

Ein Fall für die Spezialisten

Erst wenn alle Anstrengungen auch über einen längeren Zeitraum hinweg bei dem Betroffenen keine Wirkung zeigen, und die Entwicklung einer psychischen Erkrankung bis hin zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu befürchten ist, werden therapeutische Maßnahmen in Erwägung gezogen. Dann sind Spezialisten gefragt, psychologische und ärztliche Psychotherapeuten und Psychiater, die sich in den Bundeswehrkrankenhäusern im Heimatland um die Genesung psychisch erkrankter Soldaten kümmern.

Es fällt Soldaten nicht leicht, sich in die Obhut solch kompetenter Fachleute zu begeben. Psychiatrische Abteilungen gelten nicht gerade als Orte, die mit Wohlgefühl und Behaglichkeit in Verbindung gebracht werden. Dennoch bedeuten sie häufig die letzte Rettungsstation für die, die irgendwann nicht mehr weiter wissen. Die Bundeswehrkrankenhäuser können auf jahrelange Erfahrung in der Behandlung traumatisierter Soldaten zurückblicken. Die positiven Erfahrungsberichte von Soldaten, denen dort geholfen wurde, sollten all jenen Mut machen, die mit schweren Belastungen aus dem Einsatz und auch mit Vorbehalten gegenüber Psychologie und Psychiatrie zu kämpfen haben.

Hilfestellung nach dem Einsatz

Für manche Soldaten fangen die Schwierigkeiten erst zu Hause an, macht sich die Schwere der Einsatz-Erfahrungen erst dann wirklich bemerkbar. Soldaten, die aus dem Einsatz zurückkehren, brauchen Zeit, um sich zu Hause wieder einzufinden. Oftmals stößt dies auf Unverständnis: bei Vorgesetzten und Kameraden in der heimatlichen Dienststelle, auch im Familien- und Freundeskreis.

Viele erwarten, dass sich der Zurückgekehrte nahtlos in die heimischen Strukturen einfügt, seine Aufgaben erfüllt, als sei er gerade vom Brötchenholen zurückgekommen. Doch der Heimkehrer kommt aus einer anderen Welt, muss die dort gesammelten Eindrücke erst verarbeiten, sich wieder in den heimischen Alltag einfinden.

Eine Reihe von Nachsorge- und Reintegrationsmaßnahmen soll dem Soldaten die Wiedereingliederung erleichtern und ihm dabei helfen, den Einsatz abzuschließen. Gleichzeitig dienen sie aber auch dazu, therapiebedürftige Störungen zu erkennen und den Betroffenen zu Unterstützungsmaßnahmen zu motivieren.

Zu diesem Zweck gibt es die obligatorische Rückkehrerbefragung durch den Truppenarzt, der sich jeder Soldat nach dem Einsatz unterziehen muss. Auch die Teilnahme an einem mehrtägigen Einsatznachbearbeitungsseminar ist Pflicht. Dabei erhalten die Soldaten in moderierten Gruppengesprächen die Gelegenheit, ihre Erlebnisse und Erfahrungen aus dem Einsatz mit den Kameraden aufzuarbeiten, Erfahrungen auszutauschen und Befindlichkeiten zum Ausdruck zu bringen. Auch die Möglichkeit zu einem Gespräch mit einem Psychologen ist gegeben.

Mitwirkung ist nötig

Die Entscheidung, welche Angebote zu welchem Zeitpunkt in Anspruch genommen werden, muss aber letztlich jeder noch selbst treffen. Nicht immer werden die Maßnahmen und Angebote zu ihrem Schutz von den Soldaten selbst als hilfreich betrachtet. Da klagt einer über die zu harte Ausbildung in der Vorbereitungszeit, nehmen andere die Warnungen vor Stressreaktionen auf die leichte Schulter, während wieder andere missmutig die Zeit im Nachbereitungsseminar „absitzen“ oder bei Befragungen keine wahrheitsgemäßen Auskünfte geben.

Hellseher ist aber keiner von denen, die in die Bemühungen um den Schutz der Psyche der Einsatz-Soldaten eingebunden sind. Um erfolgreich tätig sein zu können, brauchen sie die Mitwirkung derer, die Hilfe benötigen.