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Noch
Jahre nach einem Einsatz kann bei Soldaten eine posttraumatische
Belastungsstörung entstehen. Die Initiative "Angriff auf die Seele"
will den Betroffenen und deren Angehörigen helfen - und die
Öffentlichkeit sensibilisieren.
Mario Dobovisek:
Weiter geht er, der Streit um die NATO-Luftangriffe auf zwei Tanklaster
in Afghanistan. Ein deutscher Offizier hatte ihn am Freitag
angefordert, mindestens 56 Menschen starben dabei. Für diese
Entscheidung hagelt es immer heftigere Kritik. Jetzt heißt es sogar,
der Deutsche habe seine Kompetenzen überschritten und die
Befehlsstrukturen nicht eingehalten. Viel Stoff für Untersuchungen
also, die gleich nach der Bombardierung aufgenommen wurden. Am
Telefon begrüße ich Frank Eggen, er ist Soldat bei der katholischen
Militärseelsorge und Begründer einer Initiative für traumatisierte
Soldaten. Guten Tag, Herr Eggen.
Frank Eggen: Guten Tag!
Dobovisek:
Soldaten müssen Entscheidungen treffen, oft geht es um Leben oder Tod,
das eigene oder das der anderen. Viel Zeit bleibt da meistens nicht.
Wie sehr beschäftigen solche Entscheidungen und Ereignisse die Soldaten
noch im Nachhinein?
Eggen: Das
kann tief greifende Folgen haben, weil Soldaten müssen in
Stresssituationen in kürzester Zeit zum Teil sehr schwerwiegende
Entscheidungen treffen und diese Entscheidungen kann man dann nachher
diskutieren, aber Soldaten haben in der Kürze der Zeit manchmal nicht
die ausreichenden Möglichkeiten, das dann so zu prüfen, wie das jetzt
zum Beispiel passiert.
Dobovisek: Was bringt zum Beispiel diese Diskussion, die Debatte einem Soldaten, der in so einer Situation sich befunden hat?
Eggen:
Na ja, Soldaten sind natürlich auch Menschen und wenn sie so fatale
Entscheidungen treffen oder Entscheidungen treffen müssen, die das
Leben anderer oder auch das eigene Leben beeinflussen können, können
dadurch Schuldgefühle entstehen, und das kann dann später, wenn man das
Ganze reflektiert, natürlich auch zu Belastungen werden, die krankhaft
sind.
Dobovisek: Zum Beispiel?
Eggen:
Zum Beispiel posttraumatische Belastungsstörung ist so eine Form der
Erkrankung, die den Soldaten auch noch nach Jahren wieder einholen
kann, wenn er sich wieder an diese Situation erinnert, an eine
traumatisierte Aktion oder ein Ereignis, und das kann dann zu schweren
gesundheitlichen Schädigungen führen.
Dobovisek: Wie äußern sich diese Rückerinnerungen an die Ereignisse?
Eggen:
Das sind dann zum Beispiel die sogenannten "Flashbacks". Das heißt,
dass ein Geruch oder ein Geräusch den Soldaten wieder in einen
Alarmzustand versetzen, den er hatte, als er in dieser traumatisierten
Situation war. Das kann dann später auch zu Hause zu Schlaflosigkeit,
zu Aggressionen führen, die dann weitere Konsequenzen haben: Stress mit
der Familie, mit dem Ehepartner, mit seiner Umgebung, er zieht sich
zurück, er wird allein gelassen zum Teil von Freunden, weil sie das
nicht verstehen, und das ist dann ein Problem.
Dobovisek:
Das sind ja schon gravierende Einschnitte in ein Leben oder das können
sie zumindest bedeuten. Was kann denn die Bundeswehr tun, um eben das
zu vermeiden?
Eggen: Die
Bundeswehr muss sich intensiv um die Soldaten kümmern, die aus dem
Einsatz wiederkommen, und natürlich auch - und das ist mir ganz
wichtig, weil das erfahre ich jeden Tag aus unserer Initiative -
besonders auch die Angehörigen, denn wenn etwas im Einsatzland
passiert, sind es natürlich auch die Angehörigen, die unter psychischem
Druck stehen, weil sie nicht wissen, was ist mit meinem Ehemann im
Einsatz passiert. Da, glaube ich, müssen wir noch eine ganz andere
Dimension an Unterstützung liefern, damit wir in Zukunft, wenn denn die
Einsätze so belastend werden, wie es im Moment scheint, erkennen, dass
da noch einiges gemacht werden muss.
Dobovisek:
Das heißt, Sie sagen, Herr Eggen, die Unterstützung durch die
Bundeswehr, die jetzt stattfindet, reicht nicht aus, um die möglichen
Belastungen, die jetzt auf die Soldaten zukommen, abzufedern?
Eggen:
Doch. Ich würde sagen, sie ist ausreichend. Aber es melden sich zum
Beispiel immer noch Soldaten bei unserer Initiative, die in ihrem
letzten Einsatz 1999 im Einsatz waren, die zum Beispiel Massengräber im
Kosovo geöffnet haben, die jetzt schon lange gar nicht mehr bei der
Bundeswehr sind. Das heißt, noch nach einer ganz langen Zeit können
diese Erkrankungen ausbrechen. Wenn man zum Beispiel diese Situation in
Afghanistan nimmt und sagt, das kann noch vier, fünf Jahre später zu
Erkrankungen führen, glaube ich, dass wir da vorbereitet sein müssen,
und das wird die Aufgabe sein, in der Bundeswehr rechtzeitig dann auch
entsprechende Kapazitäten zur Verfügung zu stellen.
Dobovisek: Also eine Aufgabe, die noch nicht ganz wahrgenommen wird, sonst hätten Sie ja Ihre Initiative nicht gründen müssen.
Eggen:
Ja. Ich habe die Initiative damals gegründet - das war vor eineinhalb
Jahren -, weil ich zum Beispiel einen Reservisten hatte, der gefragt
hat, ich habe da ein Problem, kannst du mir helfen. Ich bin aktiver
Soldat und dann habe ich ihm die Informationen zusammengestellt und
gegeben. Das, dachte ich, wäre eine gute Idee gewesen, das auch im
Internet zu tun, und so ist eben www.angriff-auf-die-seele.de entstanden.
Dobovisek:
Sie sind ja Soldat bei der katholischen Militärseelsorge, haben also
auch viel Kontakt zu anderen Soldaten. 78 Bundeswehrangehörige starben
bislang bei Auslandseinsätzen, ob nun bei Anschlägen oder bei Unfällen.
Wie gehen die Soldaten denn mit dieser Gefahr um?
Eggen:
Das ist sehr differenziert. Natürlich ist dann immer die Betroffenheit
und die Trauer da. Aber wir sind so weit professionell, dass wir
natürlich auch an unseren Auftrag denken und im Einsatz uns so weit
darauf konzentrieren, dass wir sagen, wir haben hier eine wichtige
Aufgabe und diese müssen wir wahrnehmen. Und das muss ich auch sagen:
Jeder Soldat, mit dem ich gesprochen habe, der aus dem Auslandseinsatz
gekommen ist, auch wenn er traumatisiert war, hat immer das Gefühl
gehabt, er hat einen wichtigen und sinnvollen Job gemacht. Ich glaube,
das versuchen die Soldaten dann in den Vordergrund zu stellen.
Dobovisek: Fühlen Sie sich da von der Politik manchmal allein gelassen?
Eggen:
Nein, von der Politik eigentlich nicht. Höchstens von der Gesellschaft
insgesamt würde ich mir wünschen, dass man den Familien und den
Soldaten mehr Anerkennung zeigt und sie auch in Krisensituationen
unterstützt, wenn es denn notwendig ist. Da, glaube ich, sind wir auch
noch in einem gesellschaftlichen Lernprozess.
Dobovisek:
Der Soldat Frank Eggen, Begründer der Initiative "Angriff auf die
Seele" für traumatisierte Soldaten. Vielen Dank für das Gespräch, Herr
Eggen.
Eggen: Ich danke Ihnen.
Weitere Informationen im Internet:
Datum: 10.09.2009
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